Die Kreislaufwirtschaft: Einer der wichtigsten Trends in 2022

von Jessica Werner
Kategorie Soziale Trends | veröffentlicht am 20. Dezember 2021

Die Kreislaufwirtschaft gehört zu den wichtigsten Trends in 2022, die Unternehmen besonders berücksichtigen sollten. Rohstoffknappheit und Klimawandel verleihen dem Trend eine hohe strategische Bedeutung. Sowohl durch das zunehmende Bewusstsein für Nachhaltigkeit innerhalb der Gesellschaft als auch durch die gegenwärtige und künftige Klima- und Umweltpolitik entstehen neue Anforderung an den Markt. Unternehmen sollten sich fragen, wie sie einen nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen in ihre Geschäftsprozesse integrieren können, um sich langfristig Wettbewerbsvorteile zu sichern.

Warum die alte Wegwerfwirtschaft ausgedient hat

Aktuell basiert unser Wirtschaftssystem auf einem linearen Modell. Wir stellen Dinge her, wir nutzen Dinge und dann entsorgen wir sie wieder: Take-Make-Waste. Das Problem dabei ist, dass auf diese Weise Güter bereits nach einem Nutzungszyklus durchschnittlich 75 Prozent von ihrem Rohstoffwert verlieren. Wir nutzen Ressourcen also auf eine sehr ineffiziente Art und Weise und produzieren dabei viel Müll. Ein Großteil davon kann nicht recycelt werden. Die Folge: immense Kosten für Menschen und Umwelt. Hinzu kommt, dass unsere Ressourcen dadurch immer knapper werden, während die Weltbevölkerung weiter wächst. Das lineare Take-Make-Waste Modell stößt bereits jetzt an seine Grenzen.

Die Kreislaufwirtschaft ist ein kompletter Systemwandel

Demgegenüber steht die Kreislaufwirtschaft oder Circular Economy. Sie zielt darauf ab, das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. In der idealen Kreislaufwirtschaft gibt es keinen Abfall. Man benötigt dann auch keine Primärrohstoffe mehr, weil sich die Lebensdauer von Gütern und Materialien verlängert – im optimalen Fall bis ins Unendliche, z.B. durch Upgrading, Reparatur, Wiederaufbereitung oder smartes Produktdesign. Wichtig ist, dass wir die Produkte und alles, was wir produzieren, später wieder in ihre Einzelbestandteile zerlegen können. Und das am besten sortenrein, mit möglichst wenig Qualitätsverlust und verbunden mit einem geringen Ausstoß von Emissionen. Die Kreislaufwirtschaft ist deshalb so etwas wie ein kompletter Systemwandel. Das Ziel ist ein System, in dem man Dinge nicht mehr produziert, um sie nach Benutzung wegzuwerfen, sondern um sie möglichst lange in einem Kreislauf zu halten und währenddessen weiter Wert zu generieren.

Wichtig ist, dass wir die Produkte und alles, was wir produzieren, später wieder in ihre Einzelbestandteile zerlegen können.

Unternehmen können von einer Kreislaufwirtschaft profitieren, weil sie diese z.B. unabhängig von Rohstoffimporten macht. Lieferkettenengpässe, wie sie derzeit die produzierende Industrie betreffen, würden damit der Vergangenheit angehören. Doch wie realistisch ist ein solches System? Auf dem Weg zu einer echten Kreislaufwirtschaft muss man vieles beachten. Unternehmen müssen die ganze Kette im Blick haben – von der Beschaffung der Materialien, über Transport, Lagerung, der Produktion bis zum Marketing und Verkauf. Alles dreht sich um die wichtigste Frage nach dem Danach: Wie kommt das Produkt wieder so zurück, dass man es dann zerlegen kann? Wie gibt man Verbraucher:innen die Informationen, wie sie es entsorgen oder recyceln können?


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Warum ist die Kreislaufwirtschaft in 2022 so wichtig?

Bei dem Trend der Kreislaufwirtschaft gibt es zwei Kräfte, die aufeinandertreffen und sich gegenseitig verstärken. Auf der einen Seite gibt es den Market Pull, der das Verhalten der Konsument:innen betrifft. Denn die Nachfrage nach Recycling-Produkten steigt stetig, was mit dem zunehmenden Bewusstsein für Umweltthemen und der Klimakrise einhergeht. Konsument:innen verlangen Lösungen von Unternehmen. Uns allen ist bewusst, dass es so nicht weiter gehen kann. Auf der anderen Seite steht der Technology Push, also durch Technologie angetriebene und dadurch immer weiter optimierte Recycling-Verfahren, die es uns ermöglichen, wichtige Materialien wie Metalle aus Elektroschrott wieder in einen Kreislauf zurückzuführen.

Konsument:innen verlangen Lösungen von Unternehmen. Uns allen ist bewusst, dass es so nicht weiter gehen kann.

Einer der Schlüssel-Rohstoffe, an dem sich der technologische Erfolg der Kreislaufwirtschaft wird messen müssen, ist der Kunststoff. An vielen Stellen eingesetzt, besitzt er besondere Eigenschaften, die schwer replizierbar sind. Doch auch hier gibt es bereits alternative Lösungen, insbesondere für Produktverpackungen oder Kleidung. Dazu gehört etwa die Zerlegung von Kunststoff oder Mischtextilien über Enzyme. Auch Künstliche Intelligenz spielt eine Rolle: Sie wird bei der Identifizierung einzelner Materialien helfen und für eine völlig autonome und möglichst reine Mülltrennung sorgen. Entlang der Lieferkette wird es viele einzelne, spannende Innovationen geben, die natürlich am Ende alle zusammenspielen müssen.


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Nahezu alle Branchen müssen Maßnahmen ergreifen

Die Kreislaufwirtschaft ist ein Trend, der nahezu in allen Branchen eine Rolle spielt und zunehmend spielen wird. Zum einen ist er relevant für alle Energie- und Rohstoff-intensiven Branchen auf ihrem Weg hin zu nachhaltigem Wirtschaften. Dies betrifft etwa die Bau-Branche, die Elektronik-Branche aber auch die Modeindustrie, die laut UN der zweitgrößte Umweltverschmutzer ist. Dort dominiert immer noch das Fast-Fashion-Modell, der absolute Gegenentwurf zur Circular Economy. Jedes Jahr werden ungefähr 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert, wovon jedoch nur etwa zehn Prozent recycelt werden. Aus dem Rest entstehen 2,1 Milliarden Tonnen Abfall. Doch gibt es auch schon Bestrebungen verschiedener Mode- und Textilhändler für neue Arten des Designs oder der Konstruktion von Recyclingmaschinen.

Die Modeindustrie ist laut UN der zweitgrößte Umweltverschmutzer. Dort dominiert noch das Fast-Fashion-Modell, der absolute Gegenentwurf zur Circular Economy.

Zum anderen gewinnen deshalb auch Branchen an Bedeutung, in der technologische Recyclinginnovation stattfindet – was etwa den gesamten Bereich der Abfallwirtschaft betrifft. Viele neue Start-ups setzen hier an und fragen sich z.B., wie man die Stoffe aus Batterien in einen Kreislauf bringt, oder wie man aus Plastikabfällen aus dem Meer wieder Rohstoffe oder Energieträger herstellt. Aber auch die Lebensmittelindustrie muss sich der immensen Menge an Lebensmittelabfall stellen und intelligente Wiederverwertung anstreben.


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Kreislaufwirtschaft geht nicht allein

Um ein sinnvolles Recycling gewährleisten zu können, müssen Produzenten zukünftig noch viel stärker auf Transparenz setzen und Partnerschaften eingehen. Es muss klar sein, was in den Produkten drin ist, um sie später richtig entsorgen zu können. Dafür muss es einen offenen Informationsfluss entlang der gesamten Produktions- und Lieferkette geben. Erste Initiativen für eine solche Vernetzung von Unternehmen zum Zwecke besseren Recyclings sehen wir beispielsweise in der Textilbranche. Ebenso wichtig, wie der Blick über das eigene Unternehmen hinaus, ist auch der Blick auf die eigenen Mitarbeiter:innen: Schulung beispielsweise zur fachgerechten Entsorgung von Produktionsabfällen tragen ihren Teil dazu bei, um die Kreislaufwirtschaft erfolgreich anzugehen.

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