Trends für den Mittelstand: Ein Interview mit Torsten Rehder

Auf welche Trends muss sich der Mittelstand besonders fokussieren? Um diese Frage zu beantworten, hat Senior Innovation Advisor Thorsten Rehder gemeinsam mit seinem Team und in Kooperation mit dem Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) den Trendradar für den Mittelstand erstellt. Neben den Themen Nachhaltigkeit, New Work und Plattform-Ökonomie haben Torsten und sein Team insgesamt 6 Mega-Trends und 24 Macro-Trends für den Radar identifiziert. Per Online-Umfrage haben sie anschließend über 150 Innovationsverantwortliche aus 12 Branchen um ihre Einschätzung gebeten. Im Interview verrät uns Torsten, wie gut der Mittelstand generell im Umgang mit den Trends aufgestellt ist und was Innovationsverantwortliche in Ihren Unternehmen tun können, um noch vorhandene Kompetenzlücken zu schließen.

Torsten Rehder, Senior Innovation Advisor bei TRENDONE

Warum habt ihr euch für eure Auswertung auf den Mittelstand konzentriert?

Torsten Rehder: Der Mittelstand umfasst über 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland. Die erwirtschaften mehr als die Hälfte der Wertschöpfung. Man spricht über die Grenzen hinaus vom “German Mittelstand”. 60 Prozent der Arbeitsplätze sind im Mittelstand verortet. Er ist auch wichtiger Bestandteil unseres Ausbildungssystems. 82 Prozent der betrieblichen Ausbildungsplätze kommen durch den Mittelstand.

Welche großen Mega-Trends habt ihr als relevant identifiziert?

Torsten Rehder: Die Trends für den Mittelstand, die mit großen Herausforderungen verbunden sind. Die größte ist die Digitalisierung. Daher gibt es die Digitalisierung selbst als Mega-Trend. Hinzu kommen Themen, die die Digitalisierung beeinflussen, wie etwa das sogenannte Datenzeitalter, das permanent Daten als neuen Rohstoff produziert und liefert. Eine ebenfalls eine sehr große Herausforderung ist natürlich der Fachkräftemangel. Ein wichtiger Mega-Trend ist hier die Automatisierung: Lassen sich gewisse Wertschöpfungsstufen auch ohne Fachpersonal bewerkstelligen? Auch New Work spielt hier eine große Rolle: Wie kann ich auf dem Arbeitsmarkt attraktiv sein und durch Fort- und Weiterbildung dem Fachkräftemangel selbst begegnen und nicht immer auf das Ausbildungssystem warten? Dann haben wir noch die Plattform-Ökonomie als sehr marktseitige Antwort auf die Digitalisierung. Schließlich gibt es noch den Mega-Trend Nachhaltigkeit – der im Grunde den nächste Wachstumszyklus einleitet, der nicht von Ausbeutung, sondern von intelligentem und nachhaltigem Umgang mit unseren Ressourcen geprägt ist. Wir sprechen von wachsenden Umweltmärkten, Gesundheitsmärkten, Nanobiotechnologie, Ernährung. Das sind alles Themen, die die nächste Wachstumsphase global und in Deutschland ausmachen werden.

Nachhaltigkeit ist ein Paradigma, das in die öffentliche Relevanz gerückt ist. Welche Macro-Trends zu Nachhaltigkeit spielen für den Mittelstand eine Rolle?

Torsten Rehder: Beispielsweise die Kreislaufwirtschaft, also Circular Economy. Hierdurch können Unternehmen einen wichtigen Beitrag leisten, das Klimaziel zu erreichen. Die Produkte sollen nach dem Gebrauch nicht zu Abfall werden, so dass die Sekundärrohstoffe wieder in die Produktion gelangen. Entscheidend hierfür ist ein nachhaltiges Produktdesign. Ein weiterer wichtiger Trend ist das Thema Eco Materials, also nachhaltige Materialien. Plastikverpackungen stellen ein großes Problem dar. Da schaut man nach Alternativen, vielleicht nachwachsenden Materialien, die nicht wie Plastik auf Erdöl basieren. Zudem haben wir das Thema Cleantech: Wie wird überhaupt die Primärenergie erzeugt, die wir für die Herstellung von Produkten brauchen? Können Unternehmen ihre Energie vielleicht sogar selbst produzieren, um sich unabhängiger von den Strommärkten zu machen? Da spielt auch das Smart Grid mit rein – ein wichtiges Rädchen im gesamten Nachhaltigkeitstrend. Denn gerade krempeln wir unser gesamtes Energieversorgungssystem um. Das ist eine Operation am offenen Herzen und funktioniert nur, wenn wir dezentral verschiedene Stromerzeugungsmöglichkeiten berücksichtigen. Ein intelligentes Netz wird eine gewisse Priorisierung vornehmen müssen, sodass in jedem Haushalt und Unternehmen die Maschinen laufen, Autos geladen werden können und unsere Fernseher noch Strom haben.

Ein Trendradar bricht umfassende Mega-Trends wie Nachhaltigkeit auf konkrete Macro-Trends runter. Was waren die Kriterien für die Bewertung der 24 Macro-Trends?

Torsten Rehder: Wir haben diesmal drei Kriterien abgefragt. Zwei sind grundlegend notwendig, um einen Trendradar darzustellen. Das sind die beiden Basiskriterien, die wir immer abfragen: Zum einen, wie stark der Einfluss des Trends auf das eigene Unternehmen ist. Das andere ist der Zeitpunkt, also wann die Mehrheit der Marktteilnehmer innerhalb einer Branche den Trend anwendet. Dauert es noch zwei, drei oder vier oder länger als zehn Jahre? Wenn ein Trend in den Mainstream diffundiert, muss man spätestens dabei sein, um nicht den Anschluss zu verlieren. Schließlich haben wir noch das dritte Kriterium der Kompetenz abgefragt: Wie gut schätzen Sie ein, wie Ihr Unternehmen auf den Trend vorbereitet ist? Das war auch sehr spannend, denn hier geht es um die Selbsteinschätzung: Würde uns der Trend hart treffen, da wir kaum Kompetenzen im Haus haben? Durch die Abfrage dieses Kriteriums konnten wir gewisse Lücken sichtbar machen.

Trends für den Mittelstand
Der Trendradar enthält 24 relevante Trends für den Mittelstand

Welche Trends für den Mittelstand haben denn den höchsten Relevanzgrad und sind zeitlich am nächsten dran?

Torsten Rehder: An erster Stelle der top drei bewerteten Macro-Trends für den Mittelstand steht die Cyber Security, was nicht so verwunderlich ist. Der Mittelstand hat lange gedacht, Cyberattacken gingen vor allem auf große Unternehmen wegen der höheren Bekanntheit. Zudem ging man immer davon aus, dass die Täter hier eine höhere Zahlungsbereitschaft sahen, wenn mal der Server gehighjackt wird und man sich freikaufen muss. Doch in den letzten drei Jahren haben die Cyberattacken vor allem im Mittelstand stark zugenommen, da kleine und mittlere Unternehmen ihre Datensicherheit häufig vernachlässigt haben. Auf Platz zwei ist die agile Organisation gelandet. Agile Arbeitsstrukturen, Denkweisen und Entscheidungsprozesse setzen sich in Unternehmen immer mehr durch. Der dritte Trend ist Predictive Analytics. Hier geht es um Big Data-Analysen, um dadurch gewisse zukünftige Entwicklungen wie Nachfrageschwankungen oder Produktionskapazitäten vorausschauend zu simulieren und dadurch Engpässen zu begegnen. Das gibt es in vielen Branchen, wo ich versuche, Angebot und Nachfrage zu antizipieren oder sonstige prozessrelevante Kriterien aus der Zukunft ins Heute hole. Ein einfaches Beispiel für den Einzelhandel: Ich habe eine Bäckerei-Kette und kann durch Predictive Analytics rauskriegen, wie viele Kümmelstangen ich für nächsten Samstag produzieren sollte, da eine bestimmte Nachfrage mit hoher Wahrscheinlichkeit eintritt.

Der Einzel- aber auch Großhandel ist ein gutes Stichwort. Während der Pandemie haben wir gesehen: Wenn der ausfällt, dann wird der direkte Kundenzugang noch wichtiger. Ist das eines der Themen, die es auf den Trendradar geschafft haben?

Torsten Rehder: Das Thema “Direct-to-Consumer” ist ein wichtiger Macro-Trend, der im Bereich “Act” gelandet ist. Spätestens seit dem Corona bedingten Lockdown ist der Trend im Höhenflug. Wenn man auf Instagram, Ticktock oder Facebook unterwegs ist, hat man das Gefühl, die D2C-Brands, also die Direct-to-Consumer-Marken, sprießen wie Pilze aus dem Boden – ob es Fashion, Body Care, Spielzeug oder Eiscreme ist. Das sind teils Marken, die ich in meinem Edeka oder meinem Discounter um die Ecke gar nicht finde. Die kann ich nur online direkt bestellen. Direktvertrieb, direkter Kontakt zum Kunden: Da gibt es viele Startups. Man sieht aber, dass auch der klassische Mittelständler stark in die Richtung B2C geht und den direkten Weg zum Kunden sucht. Es ist ja im Grunde seine gelernte Art, mit Kunden umzugehen. Der Mittelstand hat historisch gesehen viele langjährige, stabile Kundenbeziehungen und dadurch immer ein direktes Verhältnis oder einen Direktvertrieb gehabt. Der Trend spielt dem Mittelstand also in die Karten. Man muss nur den Shift hinkriegen und die neuen Mechanismen im D2C-Trend aufgreifen.

Welche Trends sind dir aufgefallen, die einen geringeren Reifegrad haben oder wo die Relevanz nicht so hoch eingeschätzt worden ist? Gab es da Überraschungen für dich?

Torsten Rehder: Mir ist aufgefallen, dass vom Mega-Trend Automatisierung kein einziger Trend im “Act”-Bereich ist. Das hat mich sehr gewundert. Es lässt sich festhalten, dass die Automatisierung im Mittelstand wohl revolutionäre Auswirkung haben kann, momentan aber noch verhältnismäßig geringer Handlungsbedarf gesehen wird. Primär der Bereich Robotik, der recht weit in einigen Branchen ist, etwa bei Automobilzulieferern, kann wichtige Produktionsabläufe zurück verlagern, weil das Lohnniveau in Europa zu hoch ist. Die Robotik hat besonders im Rahmen von Cobots – also Robotern, die neben dem Menschen nicht separiert in den Produktionshallen agieren können – besonders hohe Wachstumsraten. Das haben aber unsere Teilnehmenden aus dem Voting nicht so gesehen.

Tatsächlich überraschend. Doch viele Teile der Fertigung passieren noch in Niedriglohnländern. Da scheint der Automatisierungsdruck noch nicht so hoch.

Torsten Rehder: Intralogistik ist für Automatisierung natürlich ein riesen Thema. Vor allem die teilautomatisierte Qualitätsprüfung ist ein wichtiger Wachstumsbereich. Für “Made in Germany” ist die Qualitätsprüfung ein sehr wichtiger Prozessschritt in der produzierenden Industrie. Bisher nimmt der Mittelstand die Vorteile einer stärkeren Automatisierung in diesem Bereich noch nicht richtig wahr, doch in Zukunft wird es ein großes Thema sein. Man müsste sich mal genau anschauen, warum Automatisierung im Vergleich zu anderen Trends so gering eingeschätzt wird. Nachhaltigkeitstrends sind bei den Unternehmen angekommen. Circular Economy und Clean Tech sind auch in “Act” gelandet. Da spielt die Zukunft. Doch viele Nachhaltigkeitsthemen funktionieren nicht ohne Digitalisierung und Automatisierung. Man muss das zusammen denken. Die Robotik kann ebenfalls einen großen Teil zu beitragen, um nachhaltiger zu produzieren.

Du und dein Team habt auch das Thema “New Work” umfangreich analysiert und interpretiert. Welche Trends spielen hier eine Rolle?

Torsten Rehder: Ein Trend heißt “Purpose Driven Organisations”. Es wird immer wichtiger, den Purpose in den Mittelpunkt des unternehmerischen Schaffens zu stellen und dadurch eine Signalwirkung an die Mitarbeitenden zu geben: Warum arbeiten wir hier im Unternehmen mit welchem eigentlichen Zweck? Das wurde viele Jahre nicht so stark gesehen. Der eigentliche Zweck war, Geld zu verdienen und Stakeholder zufriedenzustellen. Doch der Mittelstand ist hier bereits sehr gut unterwegs, insbesondere familiengeführte Unternehmen mit sehr starker regionaler Verankerung und einem Fokus auf das lokale Gemeinwohl, obwohl sie internationale Player sind. Solche Unternehmen haben ihren Purpose schon immer mit sich getragen, auch wenn der anders hieß.

Ein anderer wichtiger Bereich ist der Macro-Trend “Re- and Upskilling”, da wir keinen Mangel an Arbeitskräften, sondern an Skills haben. Der Mittelstand ist häufig in speziellen durch Technologie getriebenen Nischen Weltmarktführer – die Hidden Champions, von denen man gar nichts mitbekommt. Sie haben vor allem beim technologischen Expertenwissen eine hohe Spezifizierung. Das ist nicht einfach von Unternehmen zu Unternehmen übertragbar. Wenn ich vom Nachbarunternehmen rüber wechsle, kann ich natürlich Kundenbeziehungen und Expertenwissen mitnehmen. Die Halbwertszeit des Wissens und die Übertragbarkeit ist jedoch sehr gering und wird immer geringer. Da ist das Thema interne Fort- und Weiterbildung wichtig. Weniger bei Technologie, sondern vor allem bei Softskills und Basiswissen im Umgang mit Daten. Das nennen wir “Data Literacy” – ein weiterer Macro-Trend. Ebenso wird die Basiskompetenz im Umgang mit unsicheren Zukünften und andere Skills immer relevanter. Das gilt es vom Mittelstand über HR-Programme aufzugreifen und zeitgemäß aufzusetzen.

Trends für den Mittelstand
Der Trendradar für den Mittelstand – jetzt kostenfrei herunterladen!

Wie haben im Querschnitt Innovationsverantwortliche aus dem Mittelstand ihre eigenen Kompetenzen in Bezug auf Trends bewerten?

Torsten Rehder: Generell ist der Mittelstand aus der Außenwahrnehmung vielleicht etwas zu streng mit sich ins Gericht gegangen. Die durchschnittlichen Kompetenzwerte lagen im Spektrum von 2,44 bis 3,78 auf einer Skala von maximal 6. Ich glaube, sie wissen gar nicht, was sie alles wissen. Der Mittelstand hat sich im Bereich Cybersecurity die höchste Kompetenzeinschätzung gegeben. Agile und Purpose Driven Organisation sowie Direct-to-consumer sind ebenfalls recht hoch eingeschätzt worden. Man kann sagen, hier spiegeln sich die guten alten mittelständischen Tugenden: Die Unternehmen innovieren stark aus dem Kundenbedürfnis heraus. Das sieht man vor allem bei den Zulieferern. Sie innovieren weniger durch die Möglichkeiten der Technologie, sondern ausgerichtet auf die Wünsche des Kunden. Viele Mittelständler sind zudem nicht in großen Metropolregionen, sondern an Orten, wohin man die Arbeitskräfte mit Anreizmechanismen erstmal hinbringen muss. Doch man kann nicht alles mit Gehalt lösen. Wichtig ist, dass man moderne Arbeitsstrukturen bietet und die Möglichkeit, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Das sind alles klassische Stellschrauben, die der Mittelstand seit jeher einsetzt.

Wo traut sich der Mittelstand bisher am wenigsten zu? Unter den am schlechtesten eingeschätzten Trends für den Mittelstand sind die “Advanced Network Technologies”. Darunter fällt 5G – eigentlich ein großes Potentialfeld: Ich kann als Unternehmen mein eigenes Funknetzwerk aufbauen und dadurch Maschinen miteinander vernetzen. Der Markt ist aber sehr intransparent. Anbieter wie Telekom oder Vodafone haben unterschiedliche Programme. Ich bin fest davon überzeug, dass wir tatsächlich “an jeder Milchkanne” 5G brauchen. Gerade für die Automatisierung ist 5G eine Schlüsseltechnologie. Daher muss hier zwangsläufig Kompetenzaufbau stattfinden. Diverse Initiativen müssen das Thema näher an den Mittelstand heranbringen und die Potentiale aufzeigen. Unternehmen brauchen die Möglichkeit, mit geringen Kosten Pilotprojekte aufzusetzen, um für sich die Vorteile zu erkennen.

Wie gut aufgestellt siehst du den Mittelstand im Umgang mit Trends?

Torsten Rehder: Wenn mittelständische Unternehmen die Zeichen der Zeit erkannt haben, dann geht es schnell. Denn Eigentum und Leitung liegt im Mittelstand häufig in derselben Hand, vor allem in Familienunternehmen. Und es besteht eine eher überschaubarere Stakeholder-Kultur. All das führt zu kurzen Entscheidungswegen und schnellen Entscheidungsprozessen. Bei agiler Organisation ist der Mittelstand sehr weit vorne. Sie haben im Umgang mit Mitarbeitenden, Kunden und Geschäftspartnern eine hohe Verantwortung und große Nähe. Es fehlt dem einen oder anderen höchstens, das alles systematisch in einem Frühwarnsystem zusammenzubringen. Dabei kann der Mittelstand ziemlich viel in eine Waagschale werfen, um eine Permanenz in der Trendbeobachtung und der Zukunftsantizipation aufzubauen. Doch viele Mittelständler haben hier große Angst, sich ein unglaubliches Ressourcen-Brett ans Bein zu binden. Das muss aber nicht so sein. Trendmanagement kann man sehr groß und breit, aber auch sehr pragmatisch zielführend mit einem überschaubaren Ressourceneinsatz machen.

Der Mittelstandsradar repräsentiert einen Querschnitt und ist damit durchaus ein guter Ausgangspunkt für die Arbeit mit Trends. Macht es überhaupt einen Unterschied, wie das jeweilige Unternehmen die Trends für sich bewertet?

Torsten Rehder: Absolut. Dazu muss man sagen, dass die Arbeit erst richtig losgeht, wenn ich ein fertiges Trendradar habe, da ich dann die richtige Ableitung treffen muss. Wenn ich die Trends nur priorisiert habe und weiß, auf welche ich mich konzentrieren muss und bei welchen ich noch ein halbes Jahr warten kann, ist das die eine Seite. Die andere ist, was heißt “Act”? Was konkret muss ich machen? Was sind Use Cases und Szenarien? Das Radar in die nächsten Schritte zu überführen, ist das Spannendste. Überwiegen hier Chancen oder Risiken? Welcher Bereich ist hier im Unternehmen besonders betroffen? Ist es ein Produktionstrend? Zahlt er vor allem auf die Strategie oder HR ein? Dann wird die jeweilige Ableitung immer konkreter, individueller und wirkungsvoller für das Unternehmen selbst.

Was sollten Unternehmen tun, wenn sie sich einen eigenen Trendradar erstellen wollen? Worauf sollten sie dabei achten?

Torsten Rehder: Es ist immer wichtig, sich die Frage bewusst zu beantworten, warum man ein eigenes Trendradar braucht. Ich mache keinen Trendradar oder arbeite mit Trends, um mit Trends zu arbeiten. Trends sind nie ein Selbstzweck. Wo ich hin möchte, determiniert, wie ich ein Trendradar aufsetze. Wir haben die Suchfelder, also große Tortenstücke. Das waren bei uns die Mega-Trends. Das muss nicht immer der richtige Scope sein. Es geht immer darum, zu schauen, welchen Zweck man mit dem speziellen Trendradar verfolgt. Ist es ein Trendradar mit Technologiefokus oder einer der ganzheitlich die Wandelwelt darstellen soll mit gesellschaftlichen Trends? Dann geht es darum, sauber die richtigen Suchfelder abzuleiten. Je besser die Suchfelder sind, desto besser sind die Ergebnisse auf der Trendebene. Das ist erstmal wichtig: Ziele definieren und priorisieren. Was sind Hauptziele? Danach muss sich inhaltlich den Trendradar unterordnen.

Der zweite wichtige Punkt ist, den Implementierungskontext zu beachten. Wie weit ist das Unternehmen generell gewohnt, sich mit zukünftigen Themen auseinanderzusetzen? Viele Unternehmen setzen sich mit ihrer Vergangenheit auseinander und analysieren Vergangenheitsdaten. Dann agieren sie in Echtzeit, schauen auf das, was sie jetzt machen müssen. Kurzfristige Orientierung ist im Mittelstand zum Glück nicht so häufig vertreten wie in anderen börsennotierten Unternehmen, die quartalsmäßig denken müssen. Wir haben häufig familiengeführte Unternehmen, die einen Generationsgedanken haben und sehr langfristig unterwegs sind. Der Implementierungskontext muss trotzdem beachtet werden. Am Anfang sollte man nicht ein riesiges Trendradar mit 30, 40, 50 Trends erstellen. Das ist zu viel. Lieber startet man mit einer kleineren Version und nutzt die Lerneffekte des Unternehmens dazu, es auf die nächste Komplexitätsstufe zu holen. Ich weiß also, wohin ich will und dass es komplexer werden muss, um die volle Wirkung für das Unternehmen zu erzielen. Das ist auch ein wichtiges Ziel, dass Unternehmen erstmal lernen, mit der Zukunft systematisch umzugehen und Ableitungen zu treffen.

Wenn man dabei ist, kann man generell überlegen, welche Tools man einsetzt. Vornherein kann ich mit einem Tool stark gewisse Prozesse erleichtern. Wenn ich erstmal ein Trendmanagement aufgebaut habe, das sich etabliert hat und ich mir dann das passende Tool suche, wird es schwierig. Entweder baue ich es mir und es ist nicht bezahlbar oder ich schaue von vornherein, was es marktseitig für Tools gibt.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview, Torsten.

Torsten Rehder: Sehr gerne. Ich möchte abschließend nochmal einen Aufruf machen – insbesondere an alle Mittelständler: Ladet euch nicht nur unsere Auswertung herunter, sondern gebt auch gerne Feedback. Unsere Arbeit an dem Trendradar für den Mittelstand ist ein offener Prozess und auch immer eine Diskussionsgrundlage. In diesem Sinne freue ich mich auf den Austausch, vielen Dank!