Der Mega-Trend KI und die Bedeutung für die Arbeitswelt

KI AI New Work Arbeit 4.0

Camille Zimmermann, Director TRENDONE Schweiz, über die Bedeutung von KI für unsere Arbeitswelt. Der Text erschien im Handbuch KI von trendreport.de.


Es gibt kaum ein Thema, welches die Konzerne so sehr beschäftigt wie KI. Die Erwartungen mögen teilweise zu hoch sein, aber es handelt sich um einen der relevantesten Mega-Trends unserer Zeit. KI-Systeme gibt es schon länger, aber die rasanten technologischen Entwicklungen ermöglichen nun die Entfaltung des vollen Potenzials.

Roboter und KI-Systeme halten in allen Wirtschaftssektoren Einzug und die Verkörperung der künstlichen Intelligenz wird weiter vorangetrieben. Damit wird KI in unterschiedlichen Einsatzgebieten immer sicht- und wahrnehmbarer.

In der ersten industriellen Revolution ersetzte die Dampfmaschine die menschliche Muskelkraft, nun ist KI im Begriff, das menschliche Hirn zu ersetzen. Industrielle Revolutionen haben das Leben und die Lebensverhältnisse immer wieder grundlegend verändert. Die Entwicklung der vierten industriellen Revolution erfolgt aber nicht linear, sondern mit exponentieller Geschwindigkeit und die zunehmende Automatisierung führt bereits heute zu gewaltigen Veränderungen in der Arbeitsweise.

Die wirtschaftlichen Überlegungen scheinen klar: Sobald ein intelligenter Roboter günstiger als die menschliche Arbeitskraft ist, wird der Mensch ersetzt. Eine viel zitierte Studie aus Oxford spricht von einem Automatisierungsgrad von 47 Prozent der gesamten Arbeitnehmer in den USA über eine Zeitspanne von 10 bis 20 Jahren. Diese Einschätzung ist jedoch sehr umstritten und es gibt Experten, die davon ausgehen, dass die Arbeit den Menschen nicht ausgehen wird, im Gegenteil. Die Art der Arbeit, da sind sich die Fachpersonen wiederum einig, wird sich ändern und die Organisationen innerhalb der Unternehmen werden grundlegend gewandelt.

KI löst grundlegende Fragen für die Organisation der Zukunft aus

Lange war die Automatisierung unsichtbar; doch zunehmend bewegen sich Roboter mit scheinbarer Absicht in menschlichen Lebens- und Arbeitsräumen. Wie reagieren Menschen auf Roboter und künstliche Intelligenz innerhalb der Unternehmen, wenn eine grundlegende Veränderung am Arbeitsplatz oder sogar ein Jobverlust droht? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt mögliche negative Folgen und Auswirkungen auf. Im frühen 19. Jahrhundert formierte sich in England der Luddismus. Die Ludditen kämpften gegen die industrielle Revolution und zerstörten zahlreiche Spinnereien in der Textilindustrie.

Die aktuelle Forschung zeigt, wie stark Menschen heute auf die Kombination Roboter mit KI reagieren. Menschen sind besorgt, teilweise sogar verärgert und reagieren, bei direkter Betroffenheit, mitunter mit Sabotage. Unternehmen müssen sich demnach überlegen, wie sie die Organisation und ihre Mitarbeiter auf die moderne Mensch-Maschinen-Organisation einstellen, denn bei der Einführung von sichtbarer KI kommt es zu radikalen Anpassungen innerhalb der Organisationsstruktur. Die traditionellen Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwinden mit steigender Tendenz.

Es stellt sich die Frage nach den Erfolgsfaktoren für eine optimale Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Welche Rolle spielt dabei die Akzeptanz und wie kann diese aktiv gefördert werden? Wie kann die Maschine und wie kann der Mensch auf eine optimale Zusammenarbeit vorbereitet werden? Das Image von KI und Robotik spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Das schlechte Image von KI behindert eine erfolgreiche Einführung

KI als Bedrohung

Das Image von KI und Robotik ist weitestgehend negativ. Ähnlich wie die Filmreihe „Der weiße Hai“ das Image des Meeresbewohners nachhaltig in den Köpfen der Menschheit negativ geprägt hat, ergeht es der KI und Robotik. Science-Fiction-Filme und -Literatur sorgen bei den Menschen für ein düsteres Bild, wenn es um Roboter und KI geht: Die Maschinen übernehmen die Macht und erheben sich gegen die Menschheit. Der Kampf der Maschine gegen den Menschen manifestiert sich in der Gesellschaft. Die KI-Wettbewerbe mit Schach, Backgammon, Jeopardy! und Go verstärken diese Wahrnehmung. In den Köpfen der Menschen ist es ein Kampf gegen die Maschine, welchen die Menschheit zunehmend verliert.

KI ist außerdem ein Hype-Thema für Zeitungen, Fernsehstationen und Nachrichtenportale. Beinahe wöchentlich werden neue Studien mit Horrorszenarien bezüglich Arbeitsplatzabbau aufgrund von Robotern und KI veröffentlicht und erhalten große Aufmerksamkeit. Diese Angstmacherei verfehlt nicht ihre Wirkung und verunsichert die Arbeitnehmer.

Weiter ist der Begriff „künstliche Intelligenz“ irreführend und stellt eine weitere Ursache für eine verfehlte Wahrnehmung dar. Der Begriff „maschinelle Intelligenz“ wäre passender und weniger irreführend. Denn die Bezeichnung „künstliche Intelligenz“ impliziert, dass versucht wird, die menschliche Intelligenz zu kopieren und in letzter Konsequenz zu ersetzen. Dieses schlechte Image ist ungerechtfertigt, aber tief in den Köpfen der Menschen verwurzelt. Für die Unternehmen ist es von zentraler Bedeutung, diese Denkweise und die Ängste bei den Mitarbeitern zu überwinden. Das gelingt ihnen nur, wenn sie die Vorteile in den Vordergrund stellen können, die Mitarbeiter miteinbeziehen und völlige Transparenz sicherstellen beim Einsatz von KI.

Diskussion um Singularität ist spannend, aber nicht zielführend

Die technologische Singularität ist ein spannendes Thema, fördert aber weder das Image von KI noch ist es sinnvoll für die aktuelle Diskussion. Denn die Singularität stellt die Frage der Kontrolle von KI unmittelbar in den Mittelpunkt der Debatte und verstärkt die Denkweise „Mensch gegen Maschine“. Sinnvoller wäre es vielmehr, die Menschen und Unternehmen zu überwachen, die die KI heute programmieren und prägen.

„Der Sachverhalt ist absurd: Die Unternehmen setzen immer stärker auf Technologie und setzen sich der Gefahr aus, ihre Menschlichkeit einzubüßen. Gleichzeitig versuchen sie, die Maschinen so menschähnlich wie möglich zu bauen.“

KI ist ein wichtiger Teil innerhalb der Robotik, das Zusammenspiel von Hülle und Kern ist relevant. KI und Robotik wird sich in den nächsten Jahren unterschiedlich rasch entwickeln. KI dürfte sich rascher entwickeln als die Robotik. Damit wird die unsichtbare KI kurz- bis mittelfristig für die nächste Entwicklungsphase viel relevanter sein als die sichtbare. Robotik ist viel komplexer und hinkt der Entwicklung von KI noch weitere Jahre hinterher. Eine zeitliche Unterscheidung ist daher angebracht.

Transparenz sicherstellen und Akzeptanz fördern

Die Transparenz ist einer der Schlüsselfaktoren. Unternehmen müssen jederzeit transparent machen, wo KI eingesetzt wird und aus welchen Gründen. Im Speziellen gilt dies für die unsichtbare KI. Die Menschen (Mitarbeiter sowie Kunden) möchten jederzeit wissen, ab wann sie mit Maschinen in Kontakt treten. Transparent müssen auch die Aufgabenteilung und der Entscheidungsprozess sowie die zugrunde liegenden Daten sein. Dies stellt gleichzeitig zunehmend eine Herausforderung dar, weil die Vorgehensweise der KI immer weniger nachvollziehbar wird.

Akzeptanz ist ein weiterer entscheidender Faktor. Ohne Akzeptanz gibt es keine erfolgreiche Mensch-Maschinen-Organisation und keinen erfolgreichen und gewinnbringenden Einsatz von intelligenten Maschinen.

KI und Robotik werden dann von den Mitarbeitern am besten angenommen und akzeptiert, wenn diese darin persönliche Vorteile sehen und sich ihre Arbeitssituation verbessert. Daraus lassen sich weitere Ratschläge für die Einführung ableiten. Die Unternehmensleitung ist gut beraten, wenn sie ihre Mitarbeiter aktiv fragt, wo Unterstützung nötig ist und bei welchen Arbeiten der Einsatz von Robotern und KI wünschenswert wäre bzw. was sich mit intelligenten Maschinen optimieren lässt.

KI und Robotik bieten viele Vorteile, welche sich die Arbeitnehmer selbst zunutze machen sollten, denn dann ist die Akzeptanz am höchsten. Sinnvoll ist außerdem, dass die Unternehmensleitung Teams mit Menschen und intelligenten Maschinen zusammenstellen lässt und diese Teams im laufenden Vergleich den Einsatz der intelligenten Maschinen eigenständig bewerkstelligen und optimieren, bis die Abstimmung zwischen Mensch und Maschine das bestmögliche Resultat liefert und eine individuelle Co-Working-Situation etabliert ist.

Humanoide Roboter gehören vorerst abgeschafft

humanoide Roboter

Ein entscheidender Punkt, welcher einen wichtigen Erfolgsfaktor darstellt, ist eine angebrachte Deutung und Handhabung einer intelligenten Maschine. Der Roboter und die KI müssen (zumindest in den nächsten 20 Jahren) primär als Werkzeug betrachtet werden. Diese Herangehensweise eliminiert auf einen Schlag ganz unterschiedliche Aspekte: keine überzogenen Erwartungen, keine ethischen und moralischen Fragestellungen sowie keine Gefahr einer Ablehnung gemäß der Theorie der Akzeptanzlücke und keine grundlegenden Veränderungen innerhalb der Organisation. Die verantwortlichen Stellen innerhalb der Unternehmen sollten dem Drang, menschenähnliche Maschinen einzusetzen, nicht erliegen, weil dies in den meisten Fällen kontraproduktiv ist.

Humanoide Roboter gehören in den allermeisten Fällen abgeschafft. Dies stellt eine radikale Empfehlung dar, die aufhorchen lässt. Bei einer genaueren Betrachtung ist aber der Vorschlag in vielen Fällen sinnvoll. Die Fachliteratur erläutert plausibel, warum die Entwickler versuchen, Menschenähnlichkeit zu erlangen. Das Streben nach Menschenähnlichkeit wird von vielen Robotikern verfolgt, damit die Interaktion zwischen Mensch und Maschine möglichst natürlich und spontan aus der Situation heraus erfolgen kann.

Einen weiteren Grund stellt die Arbeits- und Wohnumwelt dar, da diese auf die menschliche Körperform aus- und eingerichtet ist und Roboter somit die gleichen Werkzeuge wie Menschen nützen können. Die Praxis zeigt aber, dass dies in den meisten Fällen nicht sinnvoll ist. Auch die Theorie der Akzeptanzlücke (Uncanny-Valley-Effekt) empfiehlt, die intelligenten Maschinen nur in Ausnahmefällen menschähnlich zu gestalten.

Der Sachverhalt ist absurd: Die Unternehmen setzen immer stärker auf Technologie und setzen sich der Gefahr aus, ihre Menschlichkeit einzubüßen. Gleichzeitig versuchen sie, die Maschinen so menschähnlich wie möglich zu bauen, und erhoffen sich daraus mehr Akzeptanz seitens der Mitarbeiter und vor allem seitens ihrer Kunden. Dies ist aber nicht nötig, denn die aktuelle Forschung zeigt, dass die Menschen die Maschine schon aus eigenen Antrieben personifizieren und vermenschlichen.

Für die Menschen mag es ratsam sein, wenn sie sich mit den Maschinen identifizieren oder auf eine gemeinsam erlebte Geschichte zurückgreifen können, Menschenähnlichkeit ist aber dafür nicht zwingend. Einerseits ist die Gefahr einer Ablehnung (gemäß der Theorie der Akzeptanzlücke) zu groß, andererseits könnte aufgrund einer humanoiden Gestalt eine unerwünschte Abhängigkeit des Menschen resultieren.

Wir sollten den Menschen in den Mittelpunkt stellen, ohne die Maschinen zu vermenschlichen. Viel eher sollte der Fokus auf die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine gelegt werden.

Fokus auf die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine richten

Der erste Kontakt mit einer Maschine führt für den Menschen immer über ein User-Interface. Das kann eine Tastatur, eine Maus, ein Touchscreen oder ein Sprachinterface sein. Das User-Interface bildet somit den Einstiegspunkt für eine Mensch-Maschinen-Organisation, insbesondere wenn intelligente Maschinen mit KI als Werkzeug betrachtet und innerhalb des Unternehmens entsprechend positioniert werden.

Gute Benutzerschnittstellen vermeiden Frust, bauen Hemmschwellen ab, lösen Vertrauen aus, sind im besten Fall intuitiv und der Natur des Menschen angepasst. Hier bieten sich dank des Einsatzes von KI neue Möglichkeiten. Firmen, die eine optimale Symbiose zwischen Mensch und Maschine anstreben, sollten sich bei den Entwicklungen auf diesen Bereich konzentrieren. Die Eingabe, Steuerung und Kommunikation per Sprache bieten derzeit das größte Potenzial und ermöglichen unter Umständen das erste Mal ein natürliches User-Interface für Menschen im Umgang mit Maschinen.

Die Entwickler müssen dafür sorgen, dass sich die Maschinen den Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Gleichzeitig müssen die Menschen lernen, ihre einzigartige Fähigkeit, die Adaptabilität, bewusst zurückzunehmen, damit die intelligenten Maschinen diesen Schritt vollziehen können.

Der Wandel ist schon längst im Gange

Die Menschen werden sich an den Einsatz von KI und Robotern gewöhnen, ähnlich wie bei der Einführung von Computern. In erster Linie werden sich Sprachsysteme mit KI etablieren und den Menschen ein neues, natürliches User-Interface bieten.

Es handelt sich um die nächste logische Welle der Digitalisierung und die Unternehmen können und sollen aus den vergangenen Fehlern lernen, denn dieser Wandel ist für viele Unternehmen nicht neu. Jeder Wandel führt zu Veränderungen und Veränderungen führen immer auch zu Ablehnung. Die Unternehmen und die Mitarbeiter haben aber keine Wahl und müssen damit umgehen.

Für die Unternehmensführung ist es sinnvoll, die zahlreichen Chancen in den Vordergrund zu stellen und sich nicht durch das schlechte Image von KI und Robotik beirren zu lassen. Das Management sollte sich aber bewusst sein, dass dieser Wandel noch schneller erfolgt als die Digitalisierung. Die Kompetenzen im Umgang mit KI müssen daher rasch aufgebaut werden.

Auch Nichtnutzung ist eine Form der Ablehnung und Sabotage und gilt es innerhalb der Unternehmen zu vermeiden, denn solches Verhalten der Mitarbeiter kann wirtschaftlich unerwünschte Folgen haben: Einerseits kosten intelligente Maschinen viel Geld bei der Anschaffung, andererseits wird mit diesem Verhalten das Potenzial einer symbiotischen Mensch-Maschinen-Organisation nicht ausgeschöpft und es droht ein Wettbewerbsnachteil.


Camille Zimmermann kennt die Chancen des technologischen Wandels

Camille Zimmermann vermittelt die Vorzüge der trendbasierten Beratung über alle Branchen hinweg. Er ist seit 2017 für den Auf- und Ausbau der Trendone Schweiz-Niederlassung in Zürich verantwortlich und begleitet in dieser Funktion seine Kunden in der Anfangsphase des Beratungsprozesses. Das Thema Künstliche Intelligenz ist sein Steckenpferd, insbesondere die Mensch-Maschinen-Organisation und die Auswirkungen auf die Arbeitswelt der Zukunft. In seinen Vorträgen lässt er Aspekte aus dem Leadership- oder Change-Management einfließen. Mehr erfahren


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Originaltext: handbuch-ki.net/new-work-arbeiten-4-0/

Vorgenommene Änderung: “Megatrends” zu “Mega-Trends”.