Industrie 4.0: Wohin es geht – Interview mit Nils Müller und Sven Taubert

Industrie 4.0 Interview

Alle reden von Industrie 4.0 und totaler Vernetzung. Aber wo stehen wir wirklich, welche Entwicklung nimmt die globale Vernetzung und wie stellen sich Unternehmen den damit verbundenen Herausforderungen? TRENDONE CEO Nils Müller und Sven Taubert, Head of Corporate Foresight & Market Intelligence von Lufthansa Technik, geben Antworten.

Industrie 4.0 und Konnektivität gelten als die Mega-Trends unserer Zeit. Welchen Stellenwert hat die digitale Vernetzung für die Trendforschung?

Nils Müller: Für uns ist Industrie 4.0, also die digitale Vernetzung, eigentlich schon ein alter Hut. Der Entwicklungsprozess ist zwar lange noch nicht abgeschlossen, ja noch nicht einmal bei allen Unternehmen angekommen, aber der Trend ist eben auch nicht mehr ganz neu. In der Trendforschung beschäftigen wir uns bereits mit Trends wie dem Web of Thoughts, dem Bio Web oder der Super Intelligence.

Inwieweit ist die digitale Vernetzung denn schon in den Unternehmen angekommen?

Nils Müller: Das kann man pauschal nur schwer beantworten. Grundsätzlich kann man aber feststellen, dass die digitale Vernetzung bei vielen KMUs kaum eine Rolle spielt, während große Industriekonzerne zumindest schon die eine oder andere Maßnahme realisiert haben. Von vollständiger Vernetzung kann aber auch hier keine Rede sein.

Aber investieren denn nicht immer mehr Unternehmen sehr viel Energie in dieses Thema?

Nils Müller: Auf den ersten Blick schon. Aber beim Mega-Trend Industrie 4.0 steht ja die Vernetzung sämtlicher Produkte, Prozesse und Anlagen auf der Agenda vieler Unternehmen. Auf der Basis cyberphysischer Systeme soll eine Verschmelzung von Mechanik und Software erfolgen und benötigte Daten drahtlos ausgetauscht werden. Aber Vernetzung im Zuge von Industrie 4.0 geht noch weit über die Fabrikhallen hinaus. Sie integriert Kunden, Geschäftspartner und Prozesse in eine zentrale web- oder cloudbasierte Plattform. Das alles sehe ich zurzeit nur bei einigen wenigen Unternehmen ausgewählter Branchen.

Sven Taubert: Das gilt auch für uns bei Lufthansa Technik. Wir schauen uns auch alle Trends genau an. Und wir sehen in vielen dieser Trends, so auch in der digitalen Vernetzung, große Potenziale. Aber Technologien müssen immer auch extrem intelligent und flexibel sein, damit sie für uns passen. Es nützt ja nichts, jedem Technologie-Trend hinterherzulaufen, nur weil er fancy ist. Für hochindividuelle Arbeiten muss jede Technologie praktikabel, also anwendbar sein und einen erkennbaren Nutzen haben. Daher sind nur ein paar Tech-Trends anderer Industrien für uns bislang wirklich relevant, so unsere Erfahrung. Ich habe teilweise den Eindruck, dass es grundsätzlich mehr Lösungen als Probleme gibt.

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„Vernetzung im Zuge von Industrie 4.0 geht noch weit über die Fabrikhallen hinaus.“

Und wo genau in der Industrie gibt es schon konkrete Anwendungsfelder für solche Mega-Trends?

Nils Müller: In der Industrie, allen voran in der Automotive-Industrie, finden sich schon seit einigen Jahren viele Anwendungsfelder für Mega-Trends. Das gilt fürs Engineering ebenso wie für die Produktion. Es gibt doch kaum noch einen Hersteller, der nicht moderne Fertigungsroboter und automatisiertes Flurförderzeug einsetzt sowie Virtual und Augmented Reality-Anwendungen nutzt. Das alles sind doch Trends, die auch für luftfahrtindustrielle Anwendungen denkbar sind.

Sven Taubert: Wir haben ja auch schon in der Vergangenheit nach entsprechenden Anwendungsfeldern hierfür gesucht. Aber nicht alle Anstrengungen haben sich auf Dauer bewährt. Den Virtual Fitcheck in unserer CAVE beispielsweise haben wir wieder verworfen, während sich die projektionsbasierte Montageunterstützung mittels Augmented Reality durchgesetzt hat.

Aber man liest doch auch immer wieder von vielen neuen Entwicklungen, beispielsweise von ersten konkreten Flugtaxis und anderen Innovationen.

Sven Taubert: Viele dieser Technologien sind auch echt trendy. Aber in den meisten Fällen handelt es sich nicht um fertige Produkte oder Prototypen, sondern lediglich um Studien oder Demonstratoren. Bei genauerer Betrachtung stellt man sehr schnell fest, dass sie entweder noch gar nicht ausgereift oder zu Ende gedacht sind oder ihre Tauglichkeit erst noch unter Beweis stellen müssen. In der Luftfahrt gelten nun einmal andere Regeln. Wegen langer Entwicklungszyklen von bis zu zehn Jahren bedingt durch strenge Sicherheitsauflagen und Gesetze sind Risiken bei einer Produkteinführung absolut tabu. Bei uns gilt „Safety first“ und nicht „Trial and error“.

Welche Technologien – insbesondere im Hinblick auf Vernetzung – sind denn dann überhaupt für die Luftfahrt geeignet?

Sven Taubert: Wir müssen grundsätzlich unterscheiden zwischen Technologien, die uns als Industrieunternehmen nutzen und solchen, die wir entwickeln, um sie unseren Kunden als Produkte für ihre Flugzeuge anzubieten. In unseren PDs sind wir in puncto Maschinenvernetzung ganz weit vorne. Im Flugzeug sind die Vorzeichen aber anders. Nehmen wir „WAIC“, Wireless Avionics Intra-Communications, eine von der World Radio Conference für die Luftfahrt freigegebene Funkfrequenz, die das Potenzial hat, Rauchmelder, Beleuchtung sowie Sensoren in der Struktur oder im Triebwerk auszulesen. Dieses System ließe sich leicht installieren. Aber die Teststrecken für so eine Entwicklung im Flugzeug sind aufwendig und langwierig. Und auch die weltweiten Zulassungen und aufwendigen Genehmigungsverfahren für die Technik sowie weltweit einheitliche Standards spielen hier eine tragende Rolle.

Was sind denn die nächsten großen Trends, die in den kommenden Jahren die industrielle Entwicklung beeinflussen oder sogar prägen werden?

Nils Müller: Einer der kommenden Mega-Trends beschäftigt sich mit intuitiven Bedienkonzepten, also mit Sprach- und Gedankensteuerung. Mit Brain-Computer-Interface als nächste Generation der Mensch-Technik-Schnittstellen kann man schnell, direkt und einfach mit der Technik kommunizieren. In der Medizin gibt es bereits Anwendungsfelder, beispielsweise für sprachlich und körperlich handicapierte Menschen. Aber auch in der Logistik und Produktion sind Brain-Computer Interfaces zukünftig sicherlich sehr hilfreich.

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„Wir müssen grundsätzlich unterscheiden zwischen Technologien, die uns als Industrieunternehmen nutzen und solchen, die wir entwickeln, um sie unseren Kunden als Produkte für ihre Flugzeuge anzubieten.“

Sven Taubert: Sprachsteuerung ist bei uns auch schon in der PD Engines angekommen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass wir diesen Trend in zehn Jahren in mehreren Bereichen nutzen werden. Was für uns sinnvoll ist und sich weiter etablieren wird, das sind Assistenzsysteme, die unsere Kollegen in der Produktion entlasten und unterstützen. Daneben werden der neue 5G-Mobilfunkstandard, neue Softwarelösungen und kleine mobile Endgeräte mit hoher Rechenleistung die Flexibilität und Produktivität der Fertigung deutlich erhöhen. Dadurch werden nicht nur gigantische Datenmengen verfügbar sein, wir werden auch hochkomplexe Anwendungen wie CAD, Simulationen oder Predictive Analytics in Echtzeit realisieren. Diese Trends werden die durchgängige Vernetzung und die digitale Transformation in der Produktion signifikant beschleunigen. Der wichtigste Faktor bleibt für mich aber unsere hochqualifizierte Belegschaft. Sie ist nach wie vor bei den allermeisten Aufgaben unserer Industrie besser als jede Maschine. Wenn wir es schaffen, diesen Vorsprung durch lebenslanges Lernen zu halten und uns überall dort, wo es sinnvoll ist, von neuen Technologien unterstützen zu lassen, werden wir auch in einer vernetzten Zukunft unsere Marktführerschaft ausbauen.

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