Diversity – Warum sich Vielfalt als wirtschaftliches Leitziel lohnt

 

Deutschland wird vielfältiger. Unsere Gesellschaft ist im Zuge der Globalisierung, Migration und Erosion traditioneller Familienstrukturen bunter geworden: Eine „Familie“ kann heute aus zwei Vätern und Kind bestehen; ein „Deutscher“ kann dem Buddhismus angehören; und der Begriff „Geschlecht“ beschreibt nicht mehr nur Mann oder Frau, sondern wird sukzessive von der individuellen Wahrnehmung der eigenen Person abgelöst. Der Berliner Verein „Charta der Vielfalt“ hat insgesamt sechs Diversitätsdimensionen ermittelt, welche die Persönlichkeit und das Verhalten von Menschen bestimmen:

Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung und Identität, kulturelle oder nationale Herkunft, Behinderung, Religion oder Weltanschauung.

Wenngleich diese Dimensionen vermehrt in flexibilisierten und differenzierten Lebensstilen zum Ausdruck kommen, ist es dennoch häufig so, dass der gesunde, deutschstämmige, weiße, mittelalte und heterosexuelle Mann als die Norm aufgefasst wird. Nicht selten wird gesellschaftliche Teilhabe jenen erschwert, die davon abweichen. Die Politik hierzulande hat das erkannt und erste Maßnahmen in Richtung Chancengleichheit auf den Weg gebracht: Von der Frauenquote über Schulen des gemeinsamen Lernens bis hin zur Ehe für alle – es soll ein positiver Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt vorangetrieben werden.

Warum ist das für Unternehmen relevant?

Dieser Vielfaltsgedanke wird nicht nur auf politischer Ebene forciert, sondern auch auf wirtschaftlicher. Denn Unternehmen haben neben ihrer ökonomischen Funktion auch einen gesellschaftlichen Auftrag: Vom Start-Up bis zum Konzern gilt es für demokratische Werte wie Gleichberechtigung einzutreten. Dieser Umstand gewinnt insbesondere vor dem Hintergrund der aufstrebenden Generation Z an Relevanz: Sie ist für ethische und moralische Fragen extrem sensibilisiert und bringt das in ihren Konsumwünschen und -entscheidungen zum Ausdruck. Dabei geht es für Unternehmen nicht um „Charity“ oder soziales Engagement. Vielmehr geht es darum zu erkennen, dass mit der Pluralisierung der Gesellschaft eine Veränderung bzw. Heterogenisierung der Unternehmenslandschaft einhergeht. Und das bedeutet in der Konsequenz, dass langfristig nur jene Organisationen wirtschaftlich erfolgreich sein werden, welche die vorhandene Vielfalt erkennen und nutzen. Begreifen sie die Fülle an Bedürfnissen als Chance, können Unternehmen:

  • neue Märkte und Zielgruppen erschließen
  • mehr Produkte absetzen
  • Lösungen kreativer gestalten
  • mehr Mitarbeiter einstellen
  • das Ansehen gegenüber (potenziellen) Partnern, Konsumenten und anderen Anspruchsgruppen auf nationaler und internationaler Ebene steigern.

Wie genau Unternehmen dabei vorgehen können, wird im Folgenden anhand konkreter Praxisbeispiele dargelegt.

Welche Maßnahmen können Unternehmen ergreifen?

  1. Produkte
  • Nike verkauft einen Hidschab für muslimische Sportlerinnen
  • Google und Shiseido arbeiten an intelligenten Kunstnägeln für Sehbehinderte
  • Der Versandhändler Asos bringt eine Modekollektion für Rollstuhlfahrer auf den Markt
  • Das Modelabel Paisley setzt ein Zeichen gegen geschlechtsspezifische Lohnunterschiede und führt eine eigene Währung nur für Frauen ein, die 21 Prozent mehr wert ist als der Euro
  1. Plattformen und Applikationen
  • Airbnb eröffnet eine Plattform mit kostenlosen Wohnangeboten für Geflüchtete
  • Die Llloyds Banking Group bietet eine Augmented-Reality-App an, die Finanztexte für Hörbehinderte in Zeichensprache übersetzt
  • Die Sportmarke Björn Borg ermöglicht per App die gleichgeschlechtliche Eheschließungen auf der Blockchain
  • Microsoft bietet Nutzern vielfältige Individualisierungsmöglichkeiten für seine Xbox-Avatare, z.B. in Körperbau, Behinderungen oder Hautfarbe
  1. Marketingkampagnen
  • Ben & Jerry’s verbietet die Bestellung von zwei Eiskugeln der gleichen Sorte, um sich für die Legalisierung der gleichgeschlechtigen Ehe in Australien einzusetzen
  • Der Alkoholhersteller Diageo stellt mit „Jane Walker“ die weibliche Version des kultigen „Johnnie Walker“-Logos vor und spendet die Einnahmen an Organisationen, die sich für die Anliegen von Frauen starkmachen
  • Edeka verbannt für einen Tag ausländische Produkte aus seinen Hamburger Regalen, um zu demonstrieren: „Dieses Regal ist ohne Vielfalt ziemlich langweilig“
  1. Raumkonzepte
  • In Philadelphia steht ein Freizeitpark für autistische Kinder
  • In New York gibt es ein Bekleidungsgeschäft, das auf Geschlechternormen verzichtet
  • In Berlin eröffnet ein inklusiver Coworking-Space für Geflüchtete und Menschen mit Behinderung
  • In Manchester wird ein Seniorenheim speziell für die LGBTIQ-Community gebaut
  1. Jobangebote
  • Die britische Designagentur Common Good vermittelt mit Hilfe einer Plattform Geflüchtete für Übersetzungsarbeiten an Unternehmen
  • Pepsi stellt in seiner brasilianischen Hauptverwaltung Frauen ein, die seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gearbeitet haben, beispielsweise aufgrund einer Mutterschaft
  • Das Start-Up WisR launcht eine Jobplattform für Rentner

 

 

Wie geht es weiter?

Die Liste pluralitätsfördernder Initiatoren ist lang. Immer mehr namhafte Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen erkennen, dass das Thema Diversität inzwischen nicht mehr auf einige Wenige, sondern auf weite Teile der Gesellschaft zutrifft. Daher treiben sie Angebote und Kampagnen voran, die Respekt und Chancengleichheit fördern. Das verdeutlicht: Vielfalt ist wirtschaftlich relevant und kann von jedem Unternehmen vorangetrieben werden.

Wichtig ist es dabei, eine zum Unternehmen passende Maßnahme zu finden – eine, die insbesondere die betroffene Gesellschaftsgruppe adressiert, die aber gleichzeitig deutlich macht, dass Inklusion und Integration uns alle angehen. Zukünftig werden vielfaltsfördernde Maßnahmen nicht nur nachgelagert ergriffen. Vielmehr werden Rahmenbedingungen, online und offline, so gestaltet, dass individuelle Vielfalt von Beginn an berücksichtigt wird. So wird nach und nach jedem Einzelnen der Zugang zu einer barrierefreien Gesellschaft ermöglicht – sowohl im buchstäblichen als auch im abstrakten Sinne.