Micro-Trend Highlights 2013 (3/3)

Heute folgt der dritte Teil des Interviews mit Rouven Hohendorff (Trend Analyst), den wir nach seinen 3 persönlichen Micro-Trend Highlights befragten. Am Ende gibt Rouven zudem einen Einblick in seine “Möglichkeitsräume”.

Rouven, welcher Micro-Trend zählt noch zu deinen persönlichen Highlights 2013?

Auf Daten basierende Boards aus dem 3D-Drucker

Das Start-up MADE sammelt per Smartphone-App Daten von Wellenreitern und nutzt die Informationen, um mittels 3D-Drucker individuelle Boards anzufertigen. Die junge Firma hat bereits erste Prototypen erstellt und wirbt zurzeit über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter für das Projekt. Interessenten an einem individuellen Board installieren zunächst eine App auf ihrem Smartphone, das in einer wasserfesten Hülle auf ihrem bisherigen Kite-, Paddel- oder Windsurfboard angebracht wird. Die aufgezeichneten Bewegungen werden dann samt Wetter- und Geodaten an die Zentrale gesendet, wo anschließend das perfekte Board angefertigt werden kann.”

Was hat dich an diesem Micro-Trend fasziniert?

“Dieser Micro-Trend enthält für mich gleich zwei Indikatoren, die darauf hindeuten wie sich die Produktion von Gütern in Zukunft verändern wird.  Zum einen werden Daten zum Treibstoff für Innovationen und bieten Unternehmen eine Möglichkeit, ihre Produkte individueller und persönlicher zu gestalten – Und andererseits…3D Drucker. Ich möchte jetzt nicht in das beinahe schon alltägliche Loblieb auf die Möglichkeiten der Demokratisierung und Dezentralisierung der Produktionsverhältnisse einstimmen – darüber wurde dieses Jahr schon genug geschrieben. Aber für alle, die 3D-Drucker immer noch als Spielzeug belächeln, mit dem man bestenfalls Plastikfiguren herstellen kann: Ich sehe jeden Tag neue Materialien, die von den Druckern verarbeitet werden können, jeden Tag werden die Drucker flexibler und anpassungsfähiger und es existiert bereits ein funktionierender Prototyp eines Druckers, der in einigen Jahren ganze Häuser drucken soll. Und in Verbindung mit den ersten massenmarkttauglichen 3D-Scannern, die dieses Jahr auf den Markt gekommen sind, sind wir dem berühmten Replikator aus Star Wars wirklich einen großen Schritt näher gekommen.”

Für wen ist diese Enwicklung  interessant?

“Abgesehen von dem offensichtlichen Einsatz in großen Fabriken  kann der Einsatz von 3D-Druckern beispielsweise auch für Einzelhändler interessant sein. Nicht jeder Mensch wird in der Lage sein, zuhause immer den neusten, leistungsstärksten Drucker stehen zu haben. Einzelhändler können sich als Koordinatoren positionieren, die Kunden die gewünschten Artikel im Geschäft drucken und eine Gebühr für die Nutzung des Druckers erheben. Gibt der Kunde seine Daten und damit sein persönliches Profil an den Einzelhändler weiter, sind wir schon wieder bei personalisierten Produkten. Auch in der Modebranche sorgen die ersten 3D-gedruckten Kleidungsstücke für Schlagzeilen. Und mal was ganz anderes: Ich glaube auch, dass 3D-Drucker im Bildungsbereich eine große Rolle spielen werden und in jeder Schule zukünftig ein 3D-Drucker stehen wird: In Amerika werden Schüler dadurch schon frühzeitig auf eine Karriere in den MINT-Berufen vorbereitet, in denen ein Fachkräftemangel prognostiziert wird. Außerdem wird dadurch das projektbasierte Lernen gefördert.”
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Rouven, die vielen Trends & Innovationen, die du jeden Tag unter die Lupe nimmst und bewertest, sind wirklich enorm komplex. Würdest du sagen, dass du deinen Alltag dadurch mit anderen Augen wahrnimmst?

“Definitiv. Das Arbeiten mit Micro-Trends hat mich einerseits dafür sensibilisiert mehr auf das zu achten, was links und rechts meines normalen Wahrnehmungsbereichs liegt. Ich glaube, dass die Spezialisierung  in der Arbeitswelt dafür gesorgt hat, dass Menschen immer mehr in den sprichwörtlichen Elfenbeintürmen leben – sie besitzen hochgradiges Expertenwissen,  sind aber blind für das, was in anderen Forschungsbereichen liegt.

Wir Trendforscher verstehen uns da ein wenig als Gegenentwurf und sind als Generalisten quasi das Medium der Kommunikation zwischen den Elfenbeintürmen. Und ich glaube auch, dass diese Fähigkeit, Informationen intelligent miteinander in Beziehung zu setzen, in Zukunft noch wichtiger wird. Wenn ich heute eine spezielle Information haben will, reicht es oft schon, wenn ich Google konsultiere. Google sagt mir aber nicht, wie diese Information in Beziehung zu anderen Informationen steht und was diese Information für mich bedeutet. Ich habe hier also gelernt weniger linear, mehr systemisch und vernetzt zu denken – und das macht sich durchaus auch im Alltag bemerkbar.

Andererseits – und das ist für mich die zweite wichtige Veränderung – denke ich mehr in “Möglichkeitsräumen” und sehe eher Chancen als Risiken, wenn ich eine Entscheidung fällen muss.  Die heutige Hyperkomplexität unserer Umwelt birgt die Gefahr einer gewissen Orientierungslosigkeit. Auf der anderen Seite besteht die Chance sich ständig neu zu erfinden, neue Dinge auszuprobieren – das gilt für mich als Individuum übrigens genauso wie es auch für Unternehmen gilt. Deshalb finde ich es auch immer wichtiger über die Möglichkeitsräume, die zur Verfügung stehen, Bescheid zu wissen.”