Ein Einblick ins postdigitale Zeitalter

Wir leben in einer Zeit, in der sich altbekannte Trennlinien auflösen und Welten zunehmend konvergieren. Konsumenten sind gleichzeitig Produzenten (Prosumer), die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit lässt sich kaum noch ziehen (Workstyle), und die Frage, was privat und was öffentlich ist, lässt sich spätestens nach einer mitgehörten Liebesbekundung per Handy nicht mehr eindeutig beantworten.

Auch die vormals getrennten Welten Physisch und Digital verschmelzen ganz im Sinne des Mega-Trends Shy Tech. Die Digitalisierung ist in zahlreichen Lebensbereichen, von Kultur bis Wirtschaft, angekommen. Im April diesen Jahres wurde das analoge Satellitensignal von ARD und ZDF abgeschaltet, und in den USA ist bereits jedes zweite Handy ein Smartphone.

Wir leben im postdigitalen Zeitalter. Postdigital bedeutet, dass digitale Technologien sich in den vormals analogen Alltag eingebettet haben und uns so selbstverständlich umgeben, wie die Luft zum Atmen. “Postdigital” bedeutet also keinesfalls “nicht digital”, sondern “selbstverständlich digital”. Eine Unterscheidung zwischen digitaler und physischer Welt wird damit obsolet. Etwas als digital zu betiteln wird in etwa so sinnvoll, wie einem Menschen damit zu charakterisieren, dass er atmet. Es ist zutreffend, aber selbstverständlich und kein Unterscheidungskriterium mehr.

Phygitale Produkte
Die Konvergenz bislang getrennter Welten spiegelt sich auch in phygitalen Produkten wider, bei denen digitale und physische Elemente zu umfassenden Product-Service-Bundles vereint werden. So können neue, aufmerksamkeits-steigernde Differenzierungsmerkmale geschaffen werden.

1. Digitale Produkte und Dienstleistungen manifestieren sich zunehmend in anfassbaren Dingen, um sie greifbarer zu gestalten. In der postdigitalen Zeit werden Objekte zunehmend durch Software ersetzt, das E-Book ist hierfür ein typisches Beispiel. Angesichts dieser Entmaterialisierung entwickelt sich eine Sehnsucht nach realen Dingen. Ein Beispiel für den Umgang mit dieser Sehnsucht bietet der Musiker Nicolas Jaar, der sein Album in Form eines Aluminiumwürfels mit Kopfhörereingang herausbrachte. So wird in der Musikindustrie nach der völligen Digitalisierung ihrer Produkte und in Zeiten von Filesharing versucht, Kaufanreize zu schaffen.

2. Physische Produkte werden mit digitalem Mehrwert angereichert, um das Gefühl eines umfassenden Produkterlebnisses zu geben. Zum Beispiel wurde mit Nike+ eine komplette Service-Welt um Sportartikel erschaffen, mit der der Einzelne seine Leistungen messen und mit einer Community teilen kann.

Das Design des Umbruchs – Physical Retro
Nicht alle Menschen finden sich so einfach in der postdigitalen Zeit zu recht wie die Digital Natives. Bei der Nutzung aller Post-PC-Products (Smartphone, Tablet) werden neue Kulturtechniken abverlangt, die erst erlernt werden müssen. Dabei spielt vor allem das User-Interface-Design eine Schlüsselrolle, das sich dabei einem besonderen Trick bedient: Physical Retro.

Um die Menschen aus ihrem gewohnten, erlernten Umgang mit Dingen und Produkten der physischen Welt abzuholen, werden digitale Inhalte in haptische Erlebnisse und analoges Design uminterpretiert. Das Notizbuch auf dem iPad hat einen Leder-Hintergrund, und unhandliche Telefonhörer werden ans Smartphone gesteckt.
Physical Retro möchte den Menschen auch das Gefühl zurückgeben, Technik verstehen und kontrollieren zu können. Daher befinden sich auch an manchen Fußgängerampeln so genannte Placebo-Knöpfe. Ob man drückt oder nicht, es wird nicht schneller grün. Aber der Hinweis „Signal kommt“ erzeugt ein Gefühl der Kontrolle.

Physical Retro ist das Symptom eines Umbruchs, eines Umbruchs zwischen Generationen mit unterschiedlicher technologischer Sozialisierung.
Wird in einigen Jahren natives digitales Design unsere Interfaces schmücken oder bleibt uns Physical Retro als Liebeserklärung an die “echte”, die greifbare Welt erhalten, in der Digitales uns höchstens unterstützen, aber niemals ganz gewinnen kann?

Physische und digitale Welten verschmelzen im postdigitalen Zeitalter; und mit ihnen analoges und digitales Design, Produkte und Services. Welcome to the hybrid world of postdigital!