Im Trendsalon: Biofeedback

Das Trendbook2012 packt aus: In regelmäßigen Abständen stellen wir Ihnen hier Auszüge aus dem Lexikon für Trend- und Zukunftsbegriffe vor. 15 internationale Vordenker und Visionäre aus Wissenschaft und Wirtschaft haben im Sonderkapitel Trendsalon verschiedene aktuelle Themen näher beleuchtet.

Heute berichtet Trendforscher und Autor Max Celko, über den Einsatz von Biofeedback-Technologie zur Stressbewältigung und als Ausgangspunkt für emotionsbasierte Kommunikation.

Biofeedback – Grundlage für emotionsbasierte Kommunikation

von Max Celko

Biofeedback-Technologien halten immer stärker im Consumer-Bereich Einzug. Heute sind die Geräte zwar erst im Stadium von Prototypen; am Horizont zeichnen sich aber bereits neue Formen der biofeedbackbasierten Interaktion mit Computern ab, bei der unsere emotionale Verfassung im Zentrum steht.

Biofeedback-Technologien messen Körperfunktionen wie Puls, Hauttemperatur, Muskelspannung oder Gehirnwellen und stellen diese als visuelle Muster oder als Töne dar. Unsere emotionalen Zustände, die wir vielfach nicht bewusst wahrnehmen, werden damit direkt ablesbar. Heute werden Biofeedback-Geräte hauptsächlich als Hilfsmittel genutzt, um sich in einen Zustand der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit zu versetzen. Biofeedback wird dabei häufig mit Entspannungsverfahren wie autogenem Training oder Yoga kombiniert. Angesichts der steigenden Anforderungen im Alltag und der immer größeren Menge an Informationen, die wir täglich bewältigen müssen, besteht ein wachsendes Bedürfnis nach solchen Formen der Stressbewältigung.

EMOTIONSTECHNOLOGIE ALS LIFESTYLE-ACCESSOIRE


Ein Beispiel für ein Biofeedback-Device ist der Gehirnwellen-Scanner EPOC: Das von der Firma Emotiv Systems entwickelte Gerät ähnelt einem Kopfhörer und verfügt über 14 Sensoren, die nach dem gleichen Prinzip wie ein EEG Gehirnwellen aufzeichnen. Yoga-Anhänger nutzen den Gehirnwellen-Scanner, um ihren Entspannungsgrad zu messen: Während der Übungen werden die Gehirn-Scans mit einem Beamer an eine Wand projiziert, sodass sich der eigene Entspannungsgrad in Echtzeit ablesen lässt.

Biofeedback-Geräte der Zukunft sollen nicht nur unsere Körperfunktionen messen, sondern gleichzeitig auch als Schmuckstück und begehrtes Lifestyle-Accessoire dienen. Von Philips etwa stammt eine Konzeptstudie für ein Gerät namens The Rationalizer. Das Biofeedback-Gerät besteht aus einem Emotionsarmband, das an eine futuristische Uhr erinnert, sowie aus einer Emotionsschale, die als dekoratives Designobjekt für die Wohnung gedacht ist. Das Armband misst die Oberflächenspannung der Haut und leitet daraus den emotionalen Zustand des Trägers ab. Je nach Stresslevel werden unterschiedliche Farbmuster auf Armband und Schale sichtbar, die den Träger vor übermäßiger Erregung warnen.

KOMMUNIKATION VIA BIOFEEDBACK


Werden Biofeedback-Systeme weiter ausgereift, könnte dies neue Formen der Interaktion mit Computern hervorbringen: Biofeedback-Geräte können etwa mit Videospielen gekoppelt werden, die unsere emotionale Verfassung in die Spielhandlung einbeziehen. Vorstellbar ist auch eine Verschmelzung von Biofeedback und Telekommunikation: Biofeedback-Systeme messen, wie wir emotional auf Alltagssituationen reagieren, und erlauben uns, diese Information mit anderen zu teilen. So entsteht eine emotionsbasierte Kommunikationsform, die eine viel innigere Verbindung erlaubt als etwa E-Mails oder Facebook-Posts. Paare in Fernbeziehungen beispielsweise könnten Biofeedback-Kommunikation nutzen, um ihre Emotionen in Echtzeit auszutauschen und so ein Gefühl von emotionaler Nähe herzustellen. Relevant ist in diesem Zusammenhang auch der Monitoring-Aspekt: Eltern können etwa anhand der Biofeedback-Kurve ihres Kindes beobachten, in welchem emotionalen Zustand es sich befindet. Schlägt der Emotionswert stark nach unten aus, wissen sie, dass etwas nicht in Ordnung ist. Entsprechend lässt sich über Biofeedback auch der Gesundheitszustand von Senioren überwachen.

NETZWERKE BASIEREND AUF EMOTION


Biofeedbackbasierte Kommunikation kann zu völlig neuen Formen der Vernetzung führen. Indem Biofeedback-Systeme unseren emotionalen Zustand sichtbar machen, wird dieser zu einem Faktor für Selbstdarstellung und Community-Bildung. So wie wir heute Neuigkeiten via Twitter an unsere Community weiterleiten, könnten wir in Zukunft unseren emotionalen Zustand streamen. Unsere Emotionalität wird damit zur Basis für soziale Verbindungen. Es ist etwa denkbar, dass sich Menschen vernetzen, die sich in einer ähnlichen emotionalen Verfassung befinden: Sind wir etwa traurig oder gestresst, werden wir in Echtzeit mit der entsprechenden Community verbunden. So entstehen virtuelle Netzwerke, die als Spiegel der eigenen Emotionalität funktionieren. Solche Emotionsgemeinschaften ermöglichen auch neue Formen der Meditation: Indem man etwa kollektiv die Herzfrequenz oder den mentalen Zustand angleicht, entsteht ein Gefühl innerer Ruhe und emotionaler Anbindung, das Rückhalt für die Bewältigung des Alltags liefert.

Max Celko ist ist Trendforscher, Innovationsberater und Autor in New York City und Berlin. Er beobachtet neue Entwicklungen in Medien, Technologie und Gesellschaft und berät Firmen mit dem Ziel, neue Trends in Produkt- und Dienstleistungsinnovationen umzusetzen. Zusätzlich realisiert Celko als Produzent und Regisseur Fernsehdokumentationen sowie ethnografische Consumer-Insights-Videoproduktionen. Er arbeitet international mit Trend-Consulting-Agenturen in Europa und den USA zusammen und berät Unternehmen aus Telekommunikation, Unterhaltungselektronik, Medien und Mobility. Celko veröffentlicht regelmäßig Artikel zu Zukunftsthemen in Fachpublikationen und hält Vorträge an Konferenzen und Think Tanks.

Diesen und weitere Artikel finden Sie im Trendbook 2012.
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