Im Trendsalon: Der verstellte Blick auf die Wirklichkeit

Das Trendbook 2012 packt aus: In regelmäßigen Abständen werden wir Ihnen hier Auszüge aus dem Lexikon für Trend- und Zukunftsbegriffe vorstellen. 15 internationale Vordenker und Visionäre aus Wissenschaft und Wirtschaft haben im Sonderkapitel Trendsalon verschiedene aktuelle Themen näher beleuchtet.

Heute erzählt uns Matthias Abel, Spezialist für qualitative Marktforschung und die Entwicklung von Marketingstrategien, wie sich unsere Wahrnehmung durch  Augmented Reailty verändern wird.

Der verstellte Blick auf die Wirklichkeit- Wie Augmented Reality unsere Wahrnehmung verändert

Von Matthias Abel

Das Wissen der Welt wächst. Und es wächst immer schneller. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, in der es dem einzelnen Individuum längst unmöglich geworden ist, mit dem Fortschritt Schritt zu halten. Der rasante Wissenszuwachs stellt unser Verständnis von Bildung auf die Probe. Die Kultur des Bildungskanons geht zu Ende. An ihre Stelle tritt die Technologie. Die Technologie erlaubt uns heute, Wissen zu speichern und sinnvoll nachzufragen oder zu verteilen: Just-in-time. Und so werden alte Bildungsideale und pädagogische Maximen durch eine technologiebasierte Such- und Quellenintelligenz ersetzt: Wir wissen heute nicht mehr alles, doch wir wissen, wo man Wissen finden kann. Technologien sind zum Treiber unserer Wissenskultur geworden und haben Phänomene wie Google oder Wikipedia hervorgebracht. So weit, so gut.

WISSEN PRÄGT UNSERE WAHRNEHMUNG

Diese Medaille hat jedoch wie alles eine Kehrseite: Denn was wir wissen, prägt auch unsere Wahrnehmung. Je mehr wir wissen, desto mehr sehen, hören, verknüpfen, verstehen und vergleichen wir. Das ist gut und wichtig und bewahrt die Bildung bis heute davor, obsolet zu werden. Denn wenn es darum geht, über Wissen Wahrnehmung zu prägen, stößt die Technologie an ihre Grenzen – nur zu wissen, wo man Informationen finden kann, hilft uns nicht dabei, besser zu sehen, zu hören, zu verstehen. Denn im Moment der Wahrnehmung ist die relevante Information nicht verfügbar.

DIE LÜCKE WIRD GESCHLOSSEN

Doch die Technologie hat dieses Defizit längst erkannt und eine Antwort parat: „Augmented Reality” heißt das Konzept, das den Moment der Wahrnehmung und den der Wissensvermittlung miteinander verbindet, indem es computergestützt eine virtuelle Informationsebene über die Wirklichkeit legt. Die Information, die wir nicht kannten (aber natürlich hätten finden können, hätten wir danach gesucht), wird im Moment der Wahrnehmung verfügbar gemacht. Der Blick auf die Welt wird durch virtuelle Überlagerung gleichzeitig verstellt und erweitert. Die zweite, virtuelle Wirklichkeit schließt die Lücke zwischen Wissen und Wahrnehmung: Das notwendige Wissen steht uns wahrnehmungserweiternd in Echtzeit zur Verfügung.

FÄHIGKEIT ZU KRITIK UND ZWEIFEL

Und das ist nicht unproblematisch, denn dieses “Wissen” ist medial vermittelt. Dieses Wissen ist keine individuelle Kombination aus über einen langen Zeitraum entwickelten und gesammelten Erfahrungen, Informationen und Überzeugungen, sondern es ist das distribuierte Wissen eines anonymen Absenders. Es prägt unsere Wahrnehmung. Durch die nicht zu bewertende Qualität der medial vermittelten Information verändert sich auch die Qualität unserer Wahrnehmung und damit unsere Vorstellung von den Dingen. Wir verlieren unsere Fähigkeit zu Kritik und Zweifel und werden manipulierbar.

INDIVIDUUM? – DAS UNTEILBARE TEILT SICH

Und doch: Technologie ist heute die einzige Möglichkeit, um mit dem Fortschritt vielleicht doch Schritt zu halten. Und ihre prägende Bedeutung für unser Weltverständnis wird weiter wachsen. Dennoch, ihre wachsende Bedeutung impliziert ein neues pädagogisches Mandat: Nie war es wichtiger, die eigene Fähigkeit zur kritischen Medienrezeption und auch -produktion zu schulen. Soziale Plattformen wie Facebook, Microblogging-Tools wie Twitter oder Geo-Apps wie Foursquare sind längst Teil unserer Identitätskonstruktion geworden: das Individuum – das Unteilbare – ist geteilt in eine virtuelle und eine physikalische Identität.

AUGMENTED REALITY ALS KLEBSTOFF ZWISCHEN IDENTITÄTEN

Die Augmented Reality wird uns in Zukunft ermöglichen, beide Identitäten wieder miteinander zu verschmelzen, indem sie den Moment des gegenseitigen Erkennens digital begleitet. Und noch bevor wir erfasst und kritisch reflektiert haben, welche Auswirkungen unsere neue Sendebereitwilligkeit und die Bereitschaft zur Öffentlichkeit auf unser Sein und unsere Gesellschaft haben, ist uns die Technologie wieder um einen Schritt voraus.

Matthias Abel ist Spezialist für die Entwicklung von Unternehmens- und Markenvisionen und ihre Übersetzung in Produkte, Services und Marketing-Programme. Nach seinem Studium und Stationen bei Springer & Jacoby, im Trendbüro und bei Sturm und Drang machte sich Matthias (Abel) 2004 selbständig und gründete das Unternehmen Wirtschaftswunder. Wirtschaftswunder entwickelt Strategien und Produktinnovationen auf Basis innovativer Marktforschungsmethoden. Matthias Abel arbeitet für Unternehmen im In- und Ausland und als Strategie- und Research-Partner für Werbe- und Trendforschungsagenturen.

Diesen und weitere Artikel finden Sie im Trendbook 2012.
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