Richard Sennett über brutale Vereinfachung

Vom 28.3. bis 1.4.2011 fand in Berlin die Veranstaltung „Bodybits – Analoge Körper in digitalen Zeitalter“  statt. In einer Reihe von Filmen, Vorträgen und Diskussionen wurde die Diskrepanz zwischen analoger und digitaler Welt von verschiedenen Stadtpunkten aus beleuchtet.

TrendONE besuchte die Eröffnungsveranstaltung mit einem Vortrag von Richard Sennett. Der renommierte Soziologe ist Professor an der New York University, der London School of Economics und Berater der UNESCO im Bereich Stadtplanung.

„Die größte Herausforderung moderner Gesellschaften besteht in der Beantwortung der Frage, wie wir mit Leuten arbeiten sollen, die anders sind als wir – die andere politische Meinungen, religiöse Überzeugungen oder kulturelle Hintergründe haben.“ (Richard Sennett)

In seinem Vortrag „Brutal Simplifiers“ befasst sich Richard Sennett mit genau diesem Problem. Wie kommt es, dass die vor noch wenigen Jahren hochgelobten Möglichkeiten neuer Kommunikationswege bis heute keine enge internationale und interkulturelle Zusammenarbeit für Menschen aus verschiedensten sozialen Schichten etablieren konnte?

Neue Kommunikationstechnologien sollten es einfacher machen mit Menschen zusammenzuarbeiten, die wir nicht verstehen. Auch wenn ursprünglich nicht für politische Zwecke geschaffen, haben in Nordafrika Facebook, Twitter und YouTube dazu beigetragen eine Revolution durchzusetzen. Durch die Sozialen Medien kamen Menschen aus den verschiedensten Milieus miteinander in Kontakt. In Anbetracht dieses enormen Potenzials: Bleibt Europa – im Vergleich – zurück?

„Die moderne Gesellschaft schafft neue Komplexität, bevor sie weiß, was sie damit anfangen soll“, so Sennett. Dadurch findet allzu häufig eine „brutale Vereinfachung“ statt: Komplexe Realität wird durch abstrakte Technologien nur auf das Nötigste reduziert.  Als Beispiel nennt Sennett das gescheiterte Programm „Google Wave“. Bestimmt für Unternehmen und Wissenschaftler, sollte es ein Tool für deren bessere Vernetzung und die Bildung von Kooperationen werden. Nach einem Jahr scheiterte das Projekt. Richard Sennett, einer der Probanden, die das Programm im Frühstadium testeten, sagt, es wäre zu linear gewesen, zu krampfhaft hat es versucht vielschichtige Zusammenhänge vereinfacht darzustellen. Er setzt das Lineare in diesem Fall mit Primitivität gleich, denn Kooperationen seien nun einmal nicht geradlinig und daher nicht in einer linearen Dramaturgie darstellbar.

Das Gefährliche ist, wenn der Mensch beginnt, sich auf diese vereinfachte Darstellung der Realität zu verlassen. Jugendliche, die begeistert neue Technik erlernen und ganz natürlich Computer in ihren Alltag integrieren, schrecken angesichts einer unverständlichen Kombination von Zeichen und Zahlen zurück. Der Mensch passt sich allzu schnell an die technischen Gegebenheiten der Maschinen an. „Manche Maschinen sollten aber auch zum Nachdenken anregen“, sagt Sennett. Oft können die Nutzer mit mehr Komplexität umgehen, als die Entwickler ihnen zugestehen.

So bleibt das Reich der Back-Office Programmierer für Außenstehende meist ein undurchdringbarer Dschungel. In einer Studie über die Finanzbranche in London und New York untersuchte Richard Sennett innerbetriebliche Kommunikationsstrukturen zwischen Führungskräften und Programmieren. Er kam zu dem Ergebnis, dass für nahezu alle Führungspersonen die mechanischen Kalkulationen innerhalb der IT unverständlich sind. Die technische Kompetenz, die die eigentliche Umsetzung in Gang bringt, liegt also vor allem bei den Leuten, die in der Hierarchie ganz unten stehen. So steht im modernen Kapitalismus der Satus meist im umgekehrten Verhältnis zur Kompetenz. Auch in der Kreativindustrie haben die kreativen Köpfe, die provokativen Vordenker meist einen geringen Status. Innovation findet man daher häufiger bei kleineren Start-Up Firmen mit flachen Hierarchien: Innovation entsteht „bottom-up“.

Wenn in einer Firma wenig Informationsaustausch stattfindet, jeder für sich arbeitet und somit eine produktive Kommunikation zusammenbricht, spricht man von einem „Silo Effekt“. Doch Sennett ist überzeugt: Wissen entsteht durch laterales, nicht durch lineares Denken. Mit Leuten aus anderen Branchen zusammenzuarbeiten, Differenzen in Mentalität und politischer Überzeugung zu begrüßen, statt sich davor zu verstecken, lässt neue, interessante Ideen entstehen und fördert eine fruchtbare Zusammenarbeit. „Laterales Denken ist ein wichtiger Motor der Innovation“, so Sennett.