FLOW.CONTROL – Über den 15. Deutschen Trendtag in Hamburg

Der 15. Deutsche Trendtag fand erstmalig in einer neuen Location, dem Hörsaal der Bucerius Law School in Hamburg, statt. Doch außer dem Veranstaltungsort kam den Teilnehmern vieles schon aus vergangenen Trendtagen bekannt vor. Gut die Hälfte der Speaker (Norbert Bolz, David Bosshart und natürlich Peter Wippermann) kannte man bereits aus den letzten Veranstaltungen und das Thema ist vom Kern her auch nicht brandneu: Die Informationsflut nimmt immer weiter zu und der Mensch muss sich Strategien zurecht legen, um in diesem Informationsfluss nicht zu ertrinken – kontrolliere den Fluss oder Flow.Control, wie es Peter Wippermann benennt.
Umso erstaunlicher war, dass es die Speaker ausnahmslos geschafft haben, immer eine neue An- oder Einsicht zu vermittelt und den Trendtag somit zu einer kurzweiligen und inspirierenden Veranstaltung werden zu lassen. Auf drei Beiträge möchte ich jedoch genauer eingehen.

Im ersten Beitrag referierte NORBERT BOLZ über das sogenannte Fließgleichgewicht und wie die Unkontrollierbarkeit von Informationsflüssen zum Normalzustand wird. Wir befinden uns niemals in einem endgültigen Stabilitätszustand, so Bolz, sondern stürzen von Stabilität zu Stabilität. Für individuelle Stabilität müssen wir versuchen, nicht nur einen endgültigen Zustand der Stabilität, sondern andere Formen der Anpassung zu finden. Dabei stellen Netzwerke ein Gegenmodell zur Verwurzelung dar. Netzwerke haben keine Wurzeln, sie tragen sich selbst. Die Vernetzung selber sorgt für Stabilität. Es gibt keine Außenstabilität, keine Rahmenbedingungen, die sie festhalten.

Des Weiteren stellte Bolz die Frage, wie wir in Zukunft mit dem Informationsoverload umgehen werden. Dabei stellte er, analog zu Maslows Bedürfnispyramide, eine Informationspyramide vor. Nachdem wir mit trivialen Informationen gesättigt sind, fangen wir allmählich an, ein Bedürfnis nach Informationen höhere Ordnung zu entwickeln. Wir stellen uns immer häufiger die Frage: Welche Information ist eigentlich für mich bedeutsam? Information will frei sein. Für frei fließende Informationen, die unterste Stufe der Bedürfnispyramide, sind wir aber nicht bereit zu bezahlen.
Wir sind aber bereit für solche zu bezahlen, die uns selber betreffen du für uns relevant sind. Die große Frage, die sich in Zukunft stellt ist: Wie kommt man auf die höheren Stufen der Informationspyramide und wie sind die Informationen dort gestaltet?
Hierzu muss man, nach Bolz, zwei Begriffe betrachten: Sensemaking und Heartmaking. Sensemaking heißt Sinnstiftung, Information macht für mich persönlich Sinn. Heartmaking bedeutet, dass es sich um mein Thema handelt, meinen Lebensstil: „I care“. Wenn es uns gelingt, Angebot zu schaffen, die die Kunden auf diese Stufen gelangen lassen, werden sie bereit sein dafür zu zahlen.

Nach dem sehr unterhaltsamen Beitrag von Dr. Eckart von Hirschhausen referierte der Buchautor DOUGLAS RUSHKOFF über das Thema Program or be programmed. Seine Kernaussage: Lernt die Strukturen und Mechanismen der Programmierung und somit die Programme selbst zu durchschauen, denn sonst werden zu leicht manipulierbar. Vor allem bei den Digital Natives habe Douglas Rushkoff beobachtet, dass sie Gegebenheiten schneller akzeptieren und ihre Beweggründe seltener hinterfragen. Doch statt die neuen Technologien und Programme wie z.B. Facebook oder Google nur zu nutzen, müssen wir lernen die digitalen Medien zu hinterfragen und mit Fehlannahmen aufzuräumen.

Der Prozess des Programmierens ist Teil unserer menschlichen Evolution, so Rushkoff. Immer wenn ein neues Medium aufkam, erlernten Menschen beide Seiten dieses Mediums. Mit der Sprache lernten wir, nicht nur zu hören, sondern auch zu sprechen. Mit der Schrift lernten wir nicht nur zu lesen, sondern auch zu schreiben. Um die digitalen Medien verstehen und mitgestalten zu können, müssen wir lernen sie selber zu programmieren.

Zum Schluss rief DAVID BOSSHART, der CEO des Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) ), dazu auf, nicht in Ausschließlichkeit zu verharren, sondern zum Hybrid Thinking überzutreten. In einer modernen Konsumgesellschaft, in der jederzeit alles überall verfügbar ist, verlieren wir Kontrolle, da es an Strukturen fehlt. Wir müssen weg kommen vom „Silo-Denken“ und hin zum hybriden Denken. Das UND ist dabei ausschlaggebend. Wir müssen uns der Herausforderung stellen, Dinge zusammenzufügen, die vorher undenkbar waren. Hybridität – das UND- wird zur Überlebensstrategie. Als Beispiel hierfür kann man das Phänomen „Frenemies“ betrachten, welches dann entsteht, wenn zwei konkurrierende Marken in Teilbereichen kooperieren und so eine Win-Win-Situation entsteht.
Es werde jedoch noch Generationen dauern, bis sich das kluge, hybride Denken durchsetzt und die festen Strukturen, das „entweder-oder“ aus den Köpfen gewichen sind, so Bosshart. Die Sprache werde dabei zum besonderen Werkzeug. Wir sind nur so kreativ und denkfähig wie wir Sprache, das heißt Kommunikation, beherrschen. Wenn wir die Fähigkeiten im Denken, Vorstellen und Kommunizieren stärker fördern, sind wir eher dazu bereit, die Dinge anders und vor allem neu zu sehen. Und in all diesen Bereichen sind die Frauen den Männern im Übrigen voraus, wie Bosshart abschließend hinzufügt.

Fazit: Eine gelungene Veranstaltung in einer neuen, sehr erfrischenden Umgebung. Viele hochkarätige Speaker und eine Themenwahl, die zwar nicht unbedingt neu, aber nach wie vor relevant ist und im Digitalen Zeitalter noch relevanter werden wird. Wie man das Gehörte und Gelernte jedoch nun konkret für sich und sein Business umsetzen könnte, blieb weitgehend offen. Doch das war bislang auch nie das erklärte Ziel eines Trendtags.

Vielleicht helfen uns dabei ja die drei Schlüssel zum Glück, die uns Eckart von Hirschhausen am Schluss seines sehr unterhaltsamen Vortrags an die Hand gegeben hat:
1. Wir sollten Glück wahrnehmen und festhalten.
2. Wir sollten Glück üben mit anderen.
3. Wir sollten unser Glück selbst managen.

Fotos vom 15. Deutschen Trendtag in Hamburg finden Sie auf Flickr.