Zwischen Retail und Mobility: Sandro Megerle zur Zukunft der Tankstelle

Tankstellen sind die Schnittstelle zwischen Handel und Individualmobilität. Beide Branchen werden zukünftig einem starken Wandel ausgesetzt sein. Digitalisierung, Elektromobilität und autonomes Fahren sind dabei nur einige Stichworte. Wie sieht also die Zukunft für die Tankstellen aus? Wir haben unseren Retail-Experten Sandro Megerle zur Seite genommen und ihm die wichtigsten Fragen gestellt. Lesen Sie das gesamte Interview hier:

Sandro, Ende Februar hast Du beim Euroforum-Event zur „Zukunft der Tankstelle“ gesprochen. Die Tankstelle ist ein dankbares Thema, weil es sowohl von Veränderungen in der Mobilität, als auch von neuen Kundenanforderungen an Convenience beim Shopping und bei Produkten betroffen ist. Kannst du für uns im Überblick aufmappen, welche Trends hier aus deiner Sicht wirken?

Sandro Megerle, Senior Innovation Analyst bei TRENDONE: Ja, die Tankstelle ist ein Ort bzw. eine Institution, die vor großen Veränderungen auf vielen Ebenen steht. Neue Formen der Mobilität, wie Ridesharing bzw. -hailing, Elektromobilität und autonomes Fahren, werden die Anforderungen an die Infrastruktur der Tankstelle massiv verändern. Während bei Themen wie Elektromobilität der Wandel der Tankstelle, z.B. durch die Integration von Ladesäulen abzusehen ist, sind die Folgen von autonomen Fahren und die Auswirkung auf die Tankstelle der Zukunft schwer abzuschätzen.

Welche Szenarien könnten durch das autonome Fahren Deiner Meinung nach eintreten?

Megerle: Mit dem Aufkommen bzw. der Verbreitung von autonomen Fahrzeugen, könnte sich die Tankstelle in Zukunft zur völlig automatisierten Robo-Tankstelle entwickeln, die von den autonomen Autos selbstständig und ohne Fahrer angesteuert werden, um dann zu tanken, wenn der Fahrer zu Hause schläft, sich an seinem Arbeitsplatz befindet oder der Preis für Treibstoff gerade günstig ist.

Also werden wir in Zukunft keine Menschen mehr an Tankstellen sehen?

Megerle: Das wäre ein Szenario, aber die Tankstelle der Zukunft kann sich auch zu einem Multi-Service-Hub entwickeln, der mit verschiedenen Dienstleistungen und besonderen Erlebnissen den Passagier autonomer Fahrzeuge dazu bringt, die Tankstelle anzusteuern.

Zum Beispiel?

Megerle: Aufgrund ihrer verkehrsgünstigen Lage dienen die Tankstellen heute für viele Menschen der schnellen Versorgung mit Convenience-Artikeln wie Getränke, Snacks oder Tabakprodukte. In Zukunft könnten sich die an die Tankstelle angeschlossenen Convenience-Shops zu vernetzten Omnichannel-Shops weiterentwickeln, die es erlauben, dass der Fahrer bzw. Passagier autonomer Fahrzeuge seinen Einkauf schon auf dem Weg zur Tankstelle über das Infotainment-System des Autos oder über sein Smartphone beginnt und seine Bestellung vor Ort per Click&Collect bereitgestellt bekommt.

Folgerichtig sollte jeder Inhaber, um weiterhin erfolgreich zu sein, einfach sein Shop-Sortiment online stellen?

Megerle: Genau, aber das alleine wird nicht ausreichen. Der Zugriff durch den Kunden auf das jeweilige Sortiment eines Convenience Shop in Echtzeit wird eher ein Hygienefaktor sein, der alleine noch keinen Erfolg garantiert. Vielmehr müssen Convenience Shops ihre Kunden kennenlernen, um relevante, personalisierte Angebote zu machen. Dafür eignen sich z.B. personenbezogene Kundendaten über bereits getätigte Käufe.

Siehst du auch Veränderungen bei Bedürfnissen von Konsumenten, die Betreiber von Convenience Shops schon heute berücksichtigen können, um zukünftig Erfolg zu haben?

Megerle: Den größten Hebel sehe ich in der Konzeption von einzigartigen Einkaufserfahrungen für den Kunden. Diese kann sich aus vielen Elementen zusammensetzen, und kann sich an verschiedenen Bedürfnissen ausrichten. Ein Beispiel ist die Ausgestaltung des Warensortiments. Hier kann der Händler über ein interessantes, abwechslungsreiches Angebot den Kunden überzeugen, den Shop aufzusuchen. Eine Option hierfür sind temporär begrenzte Pop-Up-Shops oder festinstallierte Shop-in-Shop-Konzepte, die dem Kunden bei jedem Besuch ein Entdecken neuer Produkte ermöglichen.

Welche Produkte könnten das sein, die den Konsumenten an die Tankstelle bzw. den Convenience Shop lotsen?

Megerle: Hier sehe ich eine Entwicklung zu gesundem Convenience Food. D.h. das schnelle ungesunde Essen on-the-go, wird ersetzt durch gesunde Varianten, die ebenfalls schnell zubereitet sind. Ein Beispiel hierfür wäre das Kiosk-System von Chowbotics, mit dem sich der Konsument innerhalb von drei Minuten einen frischen Salat zubereiten lassen kann.

Gibt es noch weitere Entwicklungen, die den Einkauf in Convenience Shops für Konsumenten in Zukunft ändern werden?

Megerle: Besonders spannend finde ich die Beschleunigung der eigentlichen Customer Journey. Niemand möchte an einer Kasse anstehen und Zeit verschwenden. Mit dem Aufkommen neuer Retail-Konzepte, allen voran Amazon Go, kann man schon erahnen wo die Reise hingehen könnte. Kassen, wie wir sie heute kennen, könnten vollständig verschwinden, da der Checkout automatisch erfolgt, indem der Weg des Kunden durch den Shop und seine entnommenen Produkte durch Kameras und Multisensor-Systeme erfasst werden. Mit dem Verlassen des Shops erfolgt die Zahlung automatisch. Wirft man einen Blick nach China, wo viele große Firmen massiv in autonome Stores investieren, ist diese Zukunftsvision näher als viel von uns erwarten.

Vielen Dank für das Gespräch, Sandro!

 

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