Die Zukunft agiler Produktionsprozesse mit der Szenariomethode „Picture of the Future”

Im Zuge der Digitalisierung werden Produktionsprozesse agil. Der Sportartikelhersteller Adidas hat mit der „Speedfactory“ ein Referenzbeispiel für die agile, vernetzte und kundenzentrierte Produktion der Zukunft geschaffen. Das Unternehmen möchte mit diesem Produktionskonzept die Möglichkeit haben, überall auf der Welt kleine Produktionshubs zu installieren, in denen Schuhe und Kleidung in einem Bruchteil der bisherigen Produktionszeit hergestellt und ausgeliefert werden können.

Was genau ist die „Speedfactory“?

Agile Produktionsprozesse, wie sie bereits heute in der „Speedfactory“ zum Einsatz kommen, werden in den nächsten Jahren stufenweise in Unternehmen etabliert werden. Je stärker sich Hersteller und Käufer miteinander vernetzten, umso größer wird die Dynamik des agilen Prozessarrangements, weil zukünftig Produktionsprozesse von individuellen Kundenwünschen anstatt von Massenware bestimmt sein werden.

Wenn Sie mit Ihrem Unternehmen an dem Punkt stehen, Ihre Produktionsprozesse für die Zukunft tauglich zu machen, sollten Sie systematisch vorgehen. Damit stellen Sie sicher, dass die Veränderungen, die Ihrem Unternehmen bevorstehen, auf einem soliden Fundament und im Einklang mit der Unternehmensstrategie stehen. Die Szenariomethode „Picture of the Future“ sorgt für eine konkrete Vorstellung der Zukunft und die Entwicklung einer ganzheitlichen Vision.

 

In der Praxis erfolgt die Erarbeitung innerhalb eines gemeinsamen Workshops. Dazu sind die folgenden drei Schritte notwendig: Zuerst gilt es, die relevanten Trends für die Zukunft der agilen Produktion zu identifizieren. Im Zentrum steht die Frage nach den Trends im Unternehmensumfeld, welche die heutigen Produktionsprozesse radikal beeinflussen. Im zweiten Schritt wird der aktuelle Status Quo der Branche eingehend betrachtet. An diesem Punkt sind Sie als Branchenexperte gefragt: Welche Pains und Gains spielen in Ihrem Unternehmensalltag eine Rolle?

Im letzten Schritt werden sämtliche Informationen in einem Szenario zusammengeführt. Ihr „Picture of the Future“ entsteht und spannt die Zukunft als greifbaren Möglichkeitsraum auf. Der Zeithorizont des Szenarios liegt zwischen drei, fünf und zehn Jahren. Aus dem Zukunftsbild lassen sich anschließend potenzielle Handlungsfelder ableiten sowie konkrete Maßnahmen initiieren. Ein stark vereinfachter Durchlauf dieser Methode zeigt die Zukunft der Produktion in der Sportartikelbranche.

 

Schritt 1: Welche Trends sind relevant?

Welche Trends und Technologien werden die Produktion von Laufschuhen, Fitnessbekleidung oder Fußbällen beeinflussen? Vier wegweisende Phänomene sogen zukünftig für die Entstehung agiler Produktionsprozesse. In der „Speedfactory“ werden sie bereits heute eingesetzt und machen die Veränderungsdynamik deutlich.

  • Additive Fertigung – Adidas setzt in der „Speedfactory“ das neuartige Verfahren „Digital Light Synthesis“ der Firma Carbon ein. Ähnlich wie bei der Stereolithographie werden Objekte aus flüssigem Kunstharz unter Einsatz von UV-Licht und Sauerstoff hergestellt. Damit lassen sich Objekte mit bis zu 100-fach höherer Geschwindigkeit im Vergleich zu bislang am Markt etablierten Methoden anfertigen. Das Verfahren ermöglicht die Umsetzung vollkommen neuer Designideen, so auch beispielsweise von Sohlen mit einer Netzstruktur, welche den Schuhen Dämpfung und Komfort verleihen.
  • Advanced Robotics – In der „Speedfactory“ kommen Roboter für das computergesteuerte Stricken zum Einsatz. Die Automatisierung beginnt beim Zuschnitt und endet mit dem gestrickten Obermaterial des Schuhs. Im Rahmen des Projektes „Knit For You“ setzt Adidas diese Technologie ebenfalls ein und kreiert individuell designte Sweatshirts in einem Pop-Up Store in Berlin.
TRENDONE CEO Nils Müller mit einem Schuh der Adidas Speedfactory.

TRENDONE CEO Nils Müller mit einem Schuh der Adidas Speedfactory.

  • Digital Twin – Als Weltmarktführer bei digitalen Automations- und Simulationslösungen hat Siemens ein digitales Abbild der „Speedfactory“ von Adidas erstellt. Anhand des virtuellen Modells soll der gesamte Fertigungsprozess vorab simuliert, getestet und laufend optimiert werden. Zum Einsatz kommt dabei die Software PLM (Product Lifecycle Management).
  • Smart Factory – Als Partner steht Adidas der Spezialist Oechsler Motion zur Seite, der die „Speedfactory“ in Ansbach betreibt. Sämtliche Produktionsschritte sind hochgradig miteinander vernetzt; für den hohen Automatisierungsgrad sorgen rund 160 Mitarbeiter an den Schnittstellen der Produktionsschritte, sodass diese nahtlos miteinander verzahnt werden.

 

Schritt 2: Was ist der Status Quo?

Als Branchenexperte ist Ihr Spezialwissen für diesen Schritt unerlässlich. Als Einstieg in diesen Themenkomplex steht die Betrachtung der Wettbewerbslandschaft und Produktsegmente. Denn die Welt des Sports ist geprägt vom Kampf der beiden Marktführer: Adidas und Nike. Die beiden Sportartikelhersteller bestimmen seit Jahrzehnten maßgeblich die Entwicklung in der Branche. Im Wochenrhythmus kommen neue Sportswear-Kollektionen und Schuhmodelle auf den Markt. Für den Erfolg sorgt das Marketing; Adidas gab im Jahr 2016 rund zwei Milliarden Euro für diesen Posten aus, was etwa zehn Prozent des Umsatzes entspricht.

Eine wichtige Rolle spielen die Outdoor-Marken: Jack Wolfskin, The Northface oder Mammut nehmen den klassischen Sportartikelherstellern wertvolle Marktanteile ab. Unternehmen wie Reebok fokussieren sich daher stark auf den Fitnessmarkt und nehmen schnell Produkte rund um Trendsportarten wie beispielsweise Cross-Fit in ihr Sortiment auf. Das Unternehmen Under Armour gilt als ein besonders innovativer Herausforderer der etablierten Sportartikelhersteller. Mit seinen IoT-Sportschuhen, die einen Sensor in der Sohle enthalten und alle Bewegungsdaten aufzeichnen, unterstützt das Unternehmen seine Kunden dabei, ihr Training sowie den Laufstil zu verbessern.

Ein weiterer Fokus des Status Quo besteht in der Analyse der Wertschöpfungsketten. Sämtliche Marken lassen ihre Produkte in China und Vietnam herstellen. Für den Konzern Nike sind mehr als 390.000 Personen an 83 Standorten in Vietnam und 173.000 Personen an 139 Standorten in China tätig. Steigende Lohnkosten führen zu einer Ausweitung des Produktionsnetzwerkes – Bangladesch, Myanmar und Äthiopien werden in den kommenden Jahren stark an Bedeutung gewinnen. Wichtig bei der Beurteilung neuer Produktionsstandorte sind die einwandfreien Produktionsbedingungen – das Fehlen von Tarifverträgen und eines Kündigungsschutzes, lange Arbeitszeiten und geringe Löhne haben das Image der Sportartikel- und Textilbranche in den letzten Jahren negativ beeinflusst.

Transparenz und Nachhaltigkeit stellen nicht nur den Schwerpunkt der Unternehmenskommunikation dar, sondern wurden vielmehr in die Unternehmensstrategie verankert. Adidas hat sich verpflichtet nachhaltig erzeugte Materialen wie etwa Baumwolle, die nach den Kriterien der „Better Cotton Initiative“ angebaut wird, verstärkt einzusetzen. Ein weiterer Fokus liegt auf recycelten Materialien wie etwa Polyester, Nylon und Polystyrol, die Adidas bei der Produktion von Innenschuhsohlen, Textilien und Verpackungsmaterialien einsetzt. Lange Transportwege mit hohem CO2-Ausstoß bestimmen die globalen Lieferketten der Branche. Vom Konzept über die Produktion bis zum Verkauf eines Schuhs vergehen heute durchschnittlich 18 Monate; mittlerweile deutlich zu lang für Konsumenten, die durch Marken wie Zara an wöchentliche Kollektionswechsel gewöhnt sind.

 

Schritt 3: Wie sieht ein mögliches Zukunftsbild aus?

Trends und Status Quo lassen sich verdichten und formen ein mögliches Zukunftsszenario für die Sportartikelindustrie:

Picture of the Future 2028

Produktionsprozesse in der Sportartikelbranche beginnen in einem agilen Setting zukünftig mit der Erstellung eines digitalen Zwillings. Ob Füße oder Oberkörper – der Kunde wird am Point of Sale per Scan-Verfahren genau vermessen. Ferner besteht die Möglichkeit, per App Körperpartien zu fotografieren, um ein digitales Modell zu generieren. Per Konfigurator können Kunden dann unter anderem Form und Design der Schuhe individuell anpassen. Dieser Datensatz ist Ausgangpunkt des agilen Produktionsprozesses. Er wird in die Cloud hochgeladen und einer nahegelegenen Speedfactory zugewiesen.

Nun folgen die Simulation des gesamten Produktionsprozesses sowie die Verfügbarkeitsprüfung von Materialien und Personal in Echtzeit. Die Massenanfertigung weicht im agilen Produktionsprozess einer Vielzahl von Kleinstmengen. Diese erreichen fast das Produktionsmaß der Losgröße 1. Über einen RFID-Chip, der im Sportschuh integriert ist, erfolgt eine dezentrale Produktionssteuerung. So kommuniziert z.B. der halbfertige Laufschuh mit der Maschine für den nächsten Arbeitsschritt. Die Farbe des Obermaterials wird schuhbezogen angefordert, in der gewünschten Form zugeschnitten und maschinell angebracht.

Alle Produktionsschritte werden in der Cloud hinterlegt, sodass Kunden per App nachvollziehen können, in welchem Produktionsstadium sich der bestellte Artikel befindet. Die Produktionszeiten sind stark gesunken und liegen bei weniger als einem Tag. Größter Vorteil ist die geografische Nähe des Produktionsstandortes zum Kunden. Globale und CO2-intensive Lieferketten entfallen und werden durch ein Netzwerk von Produktionshubs ersetzt. Per Lieferdienst können die produzierten Waren bereits am nächsten Tag zugestellt werden oder in einer Lockerbox bzw. im Kofferraum des Käufers hinterlegt werden.

Ein wichtiger Nebeneffekt der Produktionshubs ist die Rückverlagerung der Produktion aus Schwellenländern. Dies gibt Unternehmen die Möglichkeit, eine geschlossene Kreislaufwirtschaft aufzubauen. In ihr werden die Produkte vor Ort produziert, genutzt und am Ende des Lebenszyklus zurückgenommen und recycelt. So fließen die Materialien als Sekundärrohstoff erneut in die Produktion ein. Standards und Normen zur nachhaltigen Produktion rücken auf diese Weise noch stärker in den Kundenfokus und fördern einen ethischen Konsum.

 

Und dann? Szenarios sind kein Selbstzweck.

Zukunftsbilder wirken visionär. Für die Arbeit mit dem Szenario ist es essentiell, die gegebenen Entwicklungsmöglichkeiten zu prüfen. Welche Annahmen liegen dahinter? Mit welchen Wahrscheinlichkeiten treffen sie ein? Stellen sie eine Herausforderung für das Zukunftsbild des Unternehmens dar? Ist das Bild konsistent und können Ansatzpunkte für die weitere Innovationsarbeit abgeleitet werden? Dazu zählt die Identifikation von Handlungsfeldern oder die Evaluation von Schlüsseltechnologien.

Wir helfen Ihnen gern dabei, Ihr Zukunftsbild zu erstellen und umzusetzen. Machen wir Zukunft!

Melden Sie sich bei Bastian Biermann, um weitere unverbindliche Informationen zu erhalten: +49 (0)40 526 778 17. Wir freuen uns auf Sie!