Die Reputationskorrektur des Silicon Valley

Was verbinden Sie mit dem Begriff Silicon Valley? Progressive Start-Up-Kultur, die mit ihren Produkten und Services die Probleme der Welt löst und eher ein Haufen privilegierter Jungunternehmer, die vorrangig die Bedürfnisse der Zielgruppe lösen, der sie selbst angehören? Die nur Produkte erschaffen, die von ihnen selbst getestet und vermarktet werden können?

Gehören Sie zu letzteren Skeptikern, sind Sie seit einigen Monaten in guter Gesellschaft. Wir beobachten aktuell eine interessante Reputationskorrektur des Begriffes Silicon Valley, vom unternehmerischen Vorbild zum Objekt der Gesellschaftskritik.

Steuervermeidung, Diskriminierung, Monopole und leere Versprechen

Martin Weigert schreibt für t3n über die vier Krisen des Silicon Valley: das Wegbrechen des innenpolitischen Rückhalts, die kulturelle Homogenität (männlich, weiß), globale Regulierungsbestrebungen und eine kommende Phase der technologischen Ernüchterung.

Tesla, der E-Autobauer, der lange Zeit sinnbildlich für die disruptiven Kräfte einer neuen Unternehmenskultur stand, steckt in fulminanten Schwierigkeiten. ZEIT berichtete: Geschäftszahlen desaströs, Produktion stockt: erst 260 Exemplare des Model 3 konnten ausgeliefert werden.

Selbst die US-Medien sind nicht mehr zögerlich mit ihrer Kritik. Noam Cohen titelt im Oktober für die New York Times in einem Essay in aller Deutlichkeit: „Silicon Valley is not your friend“. Die Kernaussage: “We need to break up these online monopolies because if a few people make the decisions about how we communicate, shop, learn the news, again, do we control our own society?”

Olivia Solon schreibt für den Guardian gar, dass die Techies des Silicon Valley nun die neuen Banker wären: ebenso verhasst. Sie zitiert Patrick Connelly, einen Gründer im Gesundheitssektor: “The focus of Silicon Valley used to be innovation with the wonderful bonus of money on the side of that, but those two things seem to have switched – just as the pencil-pushing mentality of finance in the 70s became the champagne lifestyle in the 2000s. People have come to have too much swagger and not enough insights.”

Schwer wiegt darüber hinaus die Kritik, die von früheren Mitarbeitern der Unternehmen stammt, die das Silicon Valley großgemacht haben. Vor einigen Tagen hat Sean Parker, früherer Facebook-Präsident, öffentlich seinen Unmut über seinen Ex-Arbeitgeber kundgetan. Vom Mitgestalter zum Moralapostel transformiert warnt er nun vor der Nutzung sozialer Medien: „God only knows what it’s doing to our children’s brains.“

Was gut war: Aufrütteln

Diese Ernüchterungswelle ist erfrischend und holt das Thema Innovation und Innovationskultur wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Klar hat es Konzernen mit rigiden Strukturen gutgetan, zu sehen, welche alternativen Arbeitsweisen und Innovationsprozesse funktionieren. Sich diese neuen Abläufe in den zahlreichen Innovation-Labs und Ausgründungen auch selbst anzueignen.

Vor einem Jahrzehnt war die Zeit reif für einen Mindset-Umbruch, und das Silicon Valley agierte als der magische Sehnsuchtsort und Befreiungsschlag, an dem alte Regeln, Bürokratie und Hierarchien des eigenen schockstarren Unternehmens vergessen schienen.

Gewissermaßen war auch die bedrohliche Wirkung, die vom Silicon Valley lange Zeit ausging, wichtig, um ganze Branchen und Wirtschaftszweige aus ihrem erfolgsverwöhnten Trott und der Innovationslethargie wachzurütteln und CEOs weltweit zu zeigen, dass es aus zwei Gründen nicht mehr reichen wird, sich auf bewährten Erfolgsstrategien auszuruhen. Erstens, die Zeit, in der wir leben, ist stark geprägt von zahlreichen neuen Technologien von 3D-Druck, 5G, Augmented Reality bis Künstliche Intelligenz, die – manche langsamer, manche schneller – heranreifen und Chancen sowohl als auch Gefahren mit sich bringen. Zweitens wurde vielen Unternehmen auch bezüglich des Generationswechsels die Augen geöffnet. Gibt es keine fairen Chancen für die besten Nachwuchskräfte, gründen sie heute eigene Unternehmen; Zugang zu Wissen, Technologie und anderen Ressourcen haben sie ja.

Und jetzt bitte: Den Hype aus dem Thema Innovation nehmen

Der aktuelle Kritikhagel am Silicon Valley bedeutet natürlich nicht dessen Ende. Dennoch: Es ist für alle gesund, für den Innovationsmanager im DAX-Konzern bis zum Entwickler in Palo Alto, den Hype aus der Start-Up-Kultur herauszunehmen und zu erkennen, dass agile Start-Ups und träge Konzerne besser voneinander lernen sollen, anstatt die beiden Kulturen als entweder Vergangenheit oder Zukunft zu trennen.

Nun muss die nächste Phase der Konsolidierung und Integration beider Welten gesteuert werden. Das bedeutet für große Unternehmen, sich zu fragen: Was kann ich wirklich lernen von der leanen Start-Up-Kultur? Welche Methoden können übernommen, welche Arbeits- und Genehmigungsschritte übersprungen werden? Wo wollen und müssen Mitarbeiter mehr Verantwortung und mehr Risiko übernehmen? Das bedeutet aber genauso für junge wachsende Unternehmen: Was kann ich von Unternehmen lernen, die bereits einige Jahrzehnte erfolgreich wirtschaften? Vor allem in Industrien, die für tradiertes Handwerk und langjährig angesammeltes Prozesswissen stehen. Wo ist Hierarchie sinnvoll? Wie plant man Erfolg? Wir freuen uns auf zukünftige Innovationsprojekte, die Struktur, Vernunft und Kreativität klug verbinden und auf eine weniger selbstverliebte Start-Up-Kultur.


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