Future Concept Stores als Gegenpol zum Online-Shopping

Was wäre, wenn …

  • Social Media Influencer Store-Sortimente kuratieren, die ihren Geschmack widerspiegeln und die von ihnen genutzten Produkte beinhalten? Vom Instagram-Takeover zum Shop-Takeover.
  • Waschmaschinenhersteller ihre Produkte in Badkonzepte einbinden und sowohl Badewannen als auch Handtücher, elektrische Zahnbürsten und Duschgel anbieten?
  • Kaufhäuser wie Karstadt ihre Räumlichkeiten themenbezogen und nicht mehr nach Produktkategorien aufteilen würden – die Schlafzimmerabteilung mit Bettwäsche und Schlafanzügen, das Esszimmer mit Esstisch, Geschirr und Nahrungsmitteln?

 

Der Online-Retail zwingt stationäre Händler, neue Wege zu gehen. Neben Staffless Stores, Virtual und Augmented Reality am POS und der Verknüpfung des Ladengeschäfts mit dem Online-Shop werden echte, physische Einkaufserlebnisse in Zukunft an Bedeutung gewinnen.

Denn je mehr Online-Shopping zum Standard bei der Bedarfsdeckung und gezielten Produktsuche wird, desto mehr wird vom stationären Einzelhandel erwartet, einen zusätzlichen Mehrwert zu bieten.

Shopping soll immer mehr auch ein Erlebnis oder ein besonderer Service sein. Das “in-die-Stadt-fahren”, der Besuch eines Einkaufscenters oder einer Einkaufsstraße geschieht nicht mehr aus der Notwendigkeit heraus. Man möchte überrascht und inspiriert werden. Nicht mehr einzelne Produkte, sondern Produktwelten werden gesucht – eine Anforderung, der Concept Stores gerecht werden.

Bisher war der Concept Store als ästhetischer Heimathafen eher ein Phänomen aus dem High-End-Bereich. Vor allem Bekleidungsgeschäfte haben sich zusätzlich mit Wohnaccessoires eingedeckt und so einen ganzheitlichen Eindruck erweckt. Unabhängige Shops wie Andreas Murkudis oder Colette haben sich als Vorreiter der exklusiven Lifestyle-Kuration etabliert, die ihren Kunden den Weg im Dschungel der Micro-Label-Economy weisen.

Indes hat Instagram den Geschmack demokratisiert – unser Auge hat sich an durchdesignte Outfits und Wohnungen gewöhnt und erwartet dieses ästhetische Level auch vom stationären Retail. Kleinere Ketten wie Urban Outfitters oder Kauf dich glücklich haben sich bereits auf einen Mix aus Kleidung, Wohnaccessoires und Lifestyle-Produkten spezialisiert. Auch The Store und das Einkaufscenter Bikini Berlin als ganze Concept Mall sind Vertreter dieses Ansatzes.

Spätestens seit H&M seine neue Modekette Arket ankündigte, sind Concept Stores aber im Mainstream angekommen. Innovative Konzepte wie The Residence – einem Store als Wohnung, in der man auch übernachten kann, ergänzen die Entwicklung.

Es sind keine unabhängigen „Kuratoren“ mehr, die als Wegweiser und Aushängeschild des guten Geschmacks Produkte aus aller Welt zusammenstellen, sondern Händler, die um ihre Produkte herum versuchen, Geschichten zu erzählen. Und das nicht nur mit eigenen Produkten. Die Grenze verschwimmen dabei immer mehr – Hersteller werden zu Händlern, indem sie in ihren Stores auch Produkte anderer Anbieter ausstellen. Retail und Dienstleistungen werden eins, indem sie sich auf der gleichen Fläche als Einheit platzieren.

 

Auf welche Trends und Bedürfnisse zahlen Concept Stores ein?         

Entschleunigung

Der stationäre Retail wird sich zukünftig anders aufstellen und vor allem vom Online-Handel abgrenzen, schnelle und umfassende Verfügbarkeit findet der Kunde ja bereits digital. Was er dort nicht findet ist: ein Ort, an dem er Stöbern und Produktkombinationen auf sich wirken lassen kann. An dem man außerhalb der eigenen vier Wände zur Ruhe kommt. Denn das oft propagierte „alles wird digital“ führt wiederrum zu einem vermehrten Bedürfnis nach analogen Erlebnissen. Menschen möchten ihr Leben nicht nur in ihrem Zuhause verbringen, mit dem Bildschirm als einzigem Tor zur Außenwelt. Sie möchten rausgehen, und zwar dahin, wo auch andere sind. Sie wollen ein Ziel haben, an dem sie etwas sehen oder erleben können – oder das sie inspiriert. Concept Stores adressieren dieses Bedürfnis.

Third Places

Zum Gesamtbild der neuen Concept Stores gehört oft auch Gastronomie – ob als Coffee Corner oder komplettes Café wie im Arket-Konzept. Der Store wird so zum Third Place – und damit zu einem Ort des Verweilens, der als Ziel- und Ausgangspunkt dient – ein Wohnzimmer außerhalb der Wohnung oder ein Arbeitsplatz außerhalb des Büros. Dort können in einer ästhetisch ansprechenden Umgebung Hunger und Durst gestillt und Zeit verbracht werden. Das nimmt auch die Anstrengung aus einem Einkaufstrip heraus und lässt das Kaufen als Nebensache wirken. Derweil lässt man sich vom Ambiente berieseln und inspirieren.

Komplexitätsreduktion

Ein weiteres Bedürfnis ist die Reduktion der Komplexität im Alltag – inmitten unseres digitalen Lebens möchten wir uns nicht mit der Entscheidung für jedes einzelne Produkt herumschlagen. Den Auswahlen der Shops kann man vertrauen, ein Produkt passt zum anderen. Kuratierte Auswahlen wirken der Entscheidungsmüdigkeit entgegen – sie setzen Produkte in einen Designzusammenhang. Man muss mich nicht mehr zwischen zehn Toastern entscheiden, sondern kauft den einen, der im präferierten Setting am besten aussieht und auch gleich zu den Geschirrtüchern passt.

Aesthetic Currents

Instagram hat es spätestens gezeigt: die Optik ist alles. Ob Outfit oder Wohnung: wir werden zu den Stylisten unseres Alltags. Das Design von Gebrauchsgegenständen wird immer wichtiger – die skandinavischen Marken Hay und Ferm Living zeigen bereits, dass diese ebenfalls höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen können. Wir haben uns durch den visuellen Social Media-Content inzwischen an professionell durchdachte Arrangements gewöhnt und empfinden alles andere als nachlässig. Nicht jeder hat aber den entsprechenden Geschmack, um seine Wohnung komplett durchzukonzepten – oder die Zeit, jeden Kauf auch noch auf die Optik hin abzuwägen. Die Kuratorenleistung von Concept Stores wird daher noch stärker nachgefragt werden.

 

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