Designte Reize – Wie Produkte sinnliche Wahrnehmung simulieren

Schnell nähert sich der riesige Hai aus der Tiefe. Mein Herz pocht; Angst macht sich in mir breit; der Fluchtreflex setzt ein. Schnell weg hier, schreit es in mir. Im nächsten Augenblick ist das Raubtier unmittelbar vor mir. Mein Blick fällt in sein offenes Maul. Er schnappt nach mir. Ich erstarre vor Angst. Um Haaresbreite verfehlt mich der Angriff. Hastig nehme ich die VR-Brille vom Kopf.

Wie real sich Emotionen in der virtuellen Realität anfühlen, realisiere ich erst Minuten später. Ich bin erstaunt, welche Wirkung die Animationen und Soundeffekte auf meine Wahrnehmung haben. Denn der virtuelle Hai löste wirkliche Panik in mir aus. Das Gefühl war vollkommen echt. Ich spüre es immer noch. Ich frage mich, was geschehen wird, wenn die virtuelle Realität neben der optischen und akustischen Wahrnehmung noch die taktilen, olfaktorischen und gustatorischen Sinne ansprechen kann. Wie nah kann die Simulation an die Wirklichkeit herankommen?

Virtuelles tasten, riechen und schmecken

Handcontroller lassen den Nutzer nicht nur mit den virtuellen Inhalten interagieren, sondern übertragen auch haptisches Feedback. Unternehmen wie AxonVR und Vivoxie arbeiten schon am taktilen Erleben der virtuellen Realität. Geht es nach ihnen, werden Nutzer zukünftig spüren, ob ein Raum heiß oder kalt ist. Sie sollen wahrnehmen, ob eine Oberfläche glatt oder rau ist. Sogar den virtuellen Wind sollen Nutzer auf der eigenen Haut spüren können.

Einen anderen Weg geht das Unternehmen CamSoda. Es hat eine VR-Geruchsmaske entwickelt. Die Maske ist mit Duftpatronen ausgestattet, die Gerüche enthalten. Sie sollen das Erlebnis beim Anschauen von pornographischen Inhalten per VR-Headset intensivieren. Insgesamt stehen 30 unterschiedliche Gerüche zur Auswahl, darunter auch der Duft von Unterwäsche oder bestimmten Körperregionen.

Forscher der Universität Singapur und der Universität Tokio stellen sich der Herausforderungen, die gustatorische Wahrnehmung in die Virtualität zu überführen. Sie haben Gesichtselektroden entwickelt, um das Schmecken und Kauen zu simulieren. Um süße oder saure Geschmackseindrücke auf der Zunge zu erzeugen, wird eine thermische Simulation eingesetzt.

Das Ziel all dieser Entwicklungen ist es, die virtuelle Realität so lebensecht wie möglich zu gestalten. Die Simulation von haptischen, olfaktorischen und gustatorischen Reizen ist dabei ein wichtiger Schritt. Denn die Forscher wissen, dass sich der Grad an Immersion noch einmal deutlich steigern lässt, wenn alle fünf Sinne des Menschen in der Virtualität adressiert werden.

Simulationsfähige Produkte

Das simulierte Tasten, Riechen und Schmecken wird nicht mehr ausschließlich in virtuellen Welten zu erleben sein, sondern bahnt sich sukzessive seinen Weg in die physische Welt. Künstlich erzeugte Reize werden unsere Sinneswahrnehmungen in der Realität manipulieren, und das mit einem bestimmten Ziel.

„The Right Cup“ ist das Konzept eines simulationsfähigen Trinkgefäßes. Wer aus der Tasse Fruchtsaft trinkt, erliegt einer Täuschung, denn in Wahrheit ist darin Wasser enthalten. Möglich macht dies unsere Geschmackswahrnehmung, die zu 80 Prozent über den Geruchsinn gesteuert wird. Das Material von „The Right Cup“ setzt Geruchsstoffe frei, die während des Trinkens in die Nase steigen und unserem Gehirn den Fruchtsaft vortäuschen.

Nicht nur Gerüche, sondern auch Töne beeinflussen die Wahrnehmung des Geschmacks. Das chinesische Zentrum für Seuchenbekämpfung und -prävention hat mit der Oxford University gemeinsam einen Becher entwickelt, der dem Gehirn durch bestimmte Audiosignale die Aufnahme von Zucker suggeriert. Der Becher spielt beim Trinken von ungesüßten Flüssigkeiten – in Kombination mit der App „Sonic Sweetner“ – ein Audiosignal über verbundene Kopfhörer ab.

Diese Beispiele zeigen, wie die Simulation zu einem Teil der Wirklichkeit wird. Der Genuss einer Suppe könnte künftig weniger auf die erlesenen Zutaten und gute Zubereitung zurückzuführen sein, sondern vielmehr auf den Löffel oder die Suppenschüssel, aus der die Person isst. Die simulationsfähigen Produkte erzeugen auf Basis designter Reize eine Wahrnehmung, die als echt empfunden wird. Unser Gehirn wird durch das Design von Reizen auf intelligente Weise ausgetrickst. Die Technologie dafür steckt allerdings noch in den Kinderschuhen.

Welche Potentiale entstehen aus diesem Technologie-Trend für die Lebensmittelbranche?

Die Grundlage für designte Reize besteht in der Vernetzung von Lebensmitteln und Küchenutensilien. Speziell abgestimmte Nahrungsmittel erzeugen in Kombination mit digitalen Tellern, Tassen oder Besteck ein vordefiniertes Geschmackserlebnis.

  • Mood Food – Nahrungsmittel, die mittels simulierter Reize zu mehr Wohlbefinden und erhöhter Zufriedenheit beitragen. Die Simulation könnte zur Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin und damit zu einer Stimmungssteigerung führen.
  • Clean Fast Food –  Nahrungsmittel, die trotz Verzicht auf Allergene und Zusatzstoffe mittels simulierter Reize ihren vollen Geschmack beibehalten. Veganer Fleischersatz schmeckt durch die Simulation tatsächlich nach Fleisch.
  • Better than Genome Editing – Die gentechnische Veränderung von Lebensmitteln könnte durch die simulationsfähigen Nahrungsmittel obsolet werden, weil die individuellen Anpassungen von Geschmacksrichtungen im Nachhinein erfolgen.

Welche neuen Geschäftsmodelle sind für die Lebensmittelbranche denkbar?

  • Verkauf eines Produkt-Service Bundles bestehend aus digitalem Geschirr oder Besteck, welches in der Lage ist, unterschiedliche, designte Reize auszusenden. Mittels dazugehöriger Web- und Smartphone-App können die Reize an die Geschmackspräferenzen oder Gesundheitsziele des Nutzers angepasst werden.
  • Entwicklung einer Plattform, auf der Konsumenten individuelle Geschmacksrichtungen designen können. Nutzer können die Geschmackrichtungen zahlungspflichtig downloaden. Es entsteht ein digitaler Gewürzladen nach dem App-Store-Prinzip.
  • Einführung von Geschmacksprogrammen samt Ernährungsplan für Diabetiker, Diäthaltende sowie Allergiker. Diese können als In-App-Käufe in die Services integriert werden. Auch ist eine Kopplung mit Beratungsleistungen für die Ernährungsoptimierung denkbar. Diese Leistungen basieren auf der Analyse von Nutzerdaten.

Aktuelle Micro-Trends zum Thema „Designte Reize“ sehen Sie hier:

TRENDONE (Blog) Designte Reize