Sleep Tech – Fällt die letzte Offline-Bastion?

Galt das Schlafzimmer lange als eine der wenigen Offline-Bastionen und technologiefreien Zonen, kündigt sich nun auch hier ein Paradigmenwechsel an. Inzwischen erfasst die Digitalisierung von physischen Produkten Bettgestelle, Lattenroste, Matratzen, Kissen, Decken, Bettwäsche und Schlafkleidung. Mit dem Einsatz von Sensoren, intelligenten Materialien und Apps versprechen Innovatoren, Schlafprobleme verschiedenster Art zu lösen und gesunden Schlaf zu fördern.

Die große Bandbreite an Innovationen, die in Verbindung mit dem Schlaf entstehen, bezieht sich auf folgende Bereiche:

Intelligente Produkte, die mitdenken

Ausgangspunkt und Triebfeder der meisten Produktinnovationen ist die Digitalisierung. Der Matratzenhersteller Sleep Number stellte auf der Consumer Electronics Show (CES) 2017 in Las Vegas ein smartes Bett vor. Darin integrierte biometrische Sensoren registrieren jede Bewegung der schlafenden Person und zeichnen seine Schlafdauer, den Herzschlag und Atemzüge pro Minute auf. In Folge dessen passt die Matratze Härtegrad und Stützkraft der jeweiligen Liegeposition an. Das Bett ist zudem in der Lage, Schnarchgeräusche zu erkennen und erhöht automatisch das Kopfteil um sieben Grad, um für eine sanfte Nachtruhe zu sorgen.

Die Produktinnovationen verfolgen den bekannten Ansatz der gezielten Problemlösung. Dazu gehören unter anderem das leichtere Einschlafen von stressgeplagten Menschen, eine optimale Liegeposition für Personen mit Rückenschmerzen sowie eine verbesserte Wärmezirkulation für Kunden mit Schweißproblemen. Technologie-Push und Market-Pull schaffen hier einen Markt, der über die „Early Adopter“ hinaus viele Konsumenten anspricht. Ob die Technologien rund um den guten Schlaf ihr Versprechen halten und tatsächlich zur Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden beitragen werden, bleibt abzuwarten.

 

Neue Geschäftsmodelle, die herausfordern

Start-ups, die Matratzen anbieten, erfreuen sich zurzeit großer Aufmerksamkeit. Mit einem cleveren Geschäftsmodell aus „One-Size-Fits-All“ Modell, kostenlosem Versand, 100 Tage Probeschlafen sowie einer kostenlosen Rücksendung versuchen Unternehmen wie Casper, Leesa, Muun oder Smood den Matratzenkauf einfacher und unkomplizierter zu machen. Philip Krim, der CEO von Casper, stellt fest: „Eine Matratze zu kaufen, ist eine der schlechtesten Kundenerfahrungen weltweit“.

Der Markt ist groß. Allein in Deutschland werden laut Angaben des Fachverbands der Matratzen-Industrie sechs Millionen Matratzen pro Jahr verkauft. Entscheidend für den Erfolg des Geschäftsmodells dürfte die Kundenbindung werden. Die Wiederkaufrate ist selbst bei zufriedenen Kunden niedrig, weil gängige Modelle eine Lebensdauer von fünf bis zehn Jahren aufweisen. Ein Ausweg könnte in der Erweiterung des Sortiments durch Decken und Kissen bestehen.

Bei traditionellen Anbietern von Bettausstattung ist eine geringe Innovationsdynamik zu beobachten. Ein Markteintritt der Matratzen-Start-ups könnte Neuentwicklungen beschleunigen. Im Fokus stehen insbesondere funktionelle Materialien wie z.B. Bettwäsche mit Spurenelementen von Zink. Es sorgt für die geringere Absorbierung von Fetten und Schmutz, die während des Schlafens abgegeben werden. Darüber hinaus stärkt Zink das Immunsystem und soll die Schutzfunktion der Haut unterstützen.

Accessoires, die Körper und Geist erfrischen

Den am schnellsten wachsenden Bereich auf dem Markt stellen die Schlafaccessoires dar. Schlafmasken, Stirnbänder, Armbänder und Nasenstöpsel adressieren all jene, die das Bedürfnis haben, ihre Schlafqualität zu steigern. So gibt es bereits Schlafmasken, die sämtliche Schlafaktivitäten aufzeichnen. Ist der Träger in einer Leichtschlafphase, weckt ihn die Maske zum richtigen Zeitpunkt auf. Der Tag beginnt somit mit der Gewissheit, bereits während des Wachwerdens etwas Gutes für den eigenen Körper getan zu haben.

Der Schlaf besitzt ein riesiges Optimierungspotential. Guter Schlaf verbessert ganz ohne Anstrengung die eigene Leistungsfähigkeit und sorgt für schnellere Regeneration – beides Bedürfnisse, deren Adressierung durch den Einsatz von verschiedenen Hilfsmitteln Gestalt annimmt. Dazu zählt auch die individuelle Ausrichtung der Licht-, Luft- und Lärmverhältnisse des Schlafzimmers. Die treibende Kraft hinter solchen Anwendungen ist die Weiterentwicklung von Smart-Home-Systemen.

So wie bereits Tageslichtlampen am Arbeitsplatz für Wohlbefinden sorgen, werden in Zukunft intelligente Lichtquellen das Schlafzimmer erobern, die für Entspannung und Müdigkeit sorgen bzw. den Aufwachprozess versüßen. Geräte zur Geräuschunterdrückung verwandeln währenddessen auf Knopfdruck den Raum in eine Ruhezone.  Dabei neutralisieren Gegenvibrationen die Schallwellen von Geräten im Umfeld des Anwenders. Für den richtigen Geruch im Schlafzimmer sorgen vernetzte Duftspender, mit deren Hilfe sich Düfte wie Neroli Citrus oder Grandma Vanilla kreieren lassen, um stets den richtigen Duft zu einer bestimmten Stimmung oder Uhrzeit um sich zu haben.

Disruption, die ausbleibt

Die wahre Disruption in Punkto Schlaf steht uns jedoch noch bevor. Eine spannende Frage ist, ob und wann es technologisch möglich werden könnte, die Menschen mit weniger Schlaf auskommen zu lassen, sodass Körper und Geist anstatt mit acht lediglich mit fünf Stunden gut auskommen. Freilich sollte solch eine Schlafreduktion die Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigen. Auch eine Veränderung des Chronotyps wäre denkbar. Die Aussicht darauf, von einem Langschläfer zu einem Frühaufsteher zu werden, sollte nicht nur Vielreisende mit einem Hang zum Jetlag erfreuen.

Ausgangspunkt für disruptive Innovationen ist ebenfalls die Art und Weise, wie Menschen heute schlafen. Start-ups könnten abseits von Betten, Decken und Kissen auf neue Lösungen für die Nachtruhe stoßen. Die passive Ruhezeit während des Schlafens in eine aktive Ruhezeit zu verwandeln, wäre beispielsweise solch ein Ziel für Innovatoren. Könnten über ton- oder bildgebende Verfahren Kreativität oder Rhetorik gezielt stimuliert werden? Wäre es denkbar, im Schlaf Vokabeln oder Klaviersonaten zu lernen?

Mit Sicherheit stehen schon Gründer und Tüftler in den Startlöchern, die irgendwo auf der Welt an revolutionären Schlafkonzepten arbeiten. Von daher, seien Sie wachsam.