Nachgefragt: Herausragende Innovationen des Jahres 2016

Nachdem wir bereits unsere Trends für das kommende Jahr vorgestellt haben, und auf Facebook einen Adventscountdown mit den besten Innovationen von 2016 zeigen, folgt hier ein ganz subjektiver Rückblick. Wir haben unsere Analysten gefragt, welche eine Innovation für sie in diesem Jahr herausstach und warum. Hier sind die Antworten.

Micro-Trend: Amazons kassenloser Supermarkt

amazongoAmazon hat mit „Amazon Go“ den ersten Supermarkt entwickelt, in dem den Kunden das Anstehen und Kassenprozedere erspart bleibt. In Seattle können registrierte Nutzer der „Amazon Go“-App ab 2017 mit ihrem Smartphone in dem 167 Quadratmeter großen Geschäft einkaufen, indem sie ganz normal ihre Produkte auswählen und der Griff ins Regal vom virtuellen Einkaufskorb der App registriert wird. Im Anschluss können die Kunden das Geschäft ohne weiteren Bezahlvorgang verlassen, da der Einkauf berührungslos über das Amazon-Konto abgerechnet wird. Die Technologie dahinter ist eine Kombination aus Deep Learning und Sensoren.

Warum mich dieser Micro-Trend nachdenklich gestimmt hat.
Nach Pilot-Projekten von unter anderem Albert Heijn in den Niederlanden und einem viel beachteten Projekt in Schweden, hat Amazon mit Amazon Go jetzt auch ein Geschäft ohne Kassierer geöffnet. Alles geschieht hier im Self-Service. Das Phänomen ist auch in anderen Branchen, etwa beim Banking, zu beobachten. Mitarbeiter im direkten Kundenkontakt werden übergreifend massiv abgebaut. Hier gilt es gesellschaftlich eine Lösung zu finden, denn Mitarbeiterabbau heißt mittelfristig auch Kundenabbau.
Felix Tegeler, Innovation Analyst

Micro-Trend: Roboter werden fortpflanzungsfähig

roboterForscher der VU Amsterdam haben die ersten Roboter entwickelt, die sich reproduzieren können. Das Team hat dafür Roboter mit eigener DNA geschaffen, die mit Hilfe eines 3D-Druckers Babys zeugen können. Nachdem sich zwei Roboter gegenseitig analysiert haben, werden die Charaktereigenschaften der Eltern, inklusive der Software und der Hardware, per WLAN willkürlich neu kombiniert. Der Nachwuchs aus dem 3D-Drucker durchläuft nach der Geburt einen Lernprozess, der darüber entscheidet, ob er selbst ein fortpflanzungsfähiger Roboter werden kann.

Warum ich diesen Micro-Trend unterschätzt habe.
Wie sehr ich diesen Micro-Trend unterschätzt hatte, wurde mir zum erstem Mal beim Besuch des Forschungslabors in Amsterdam bewusst. Fortpflanzungsfähige Roboter, begriff ich, sind ein revolutionäres Projekt, um die Prinzipen der biologischen Evolution auf die Maschinenwelt anzuwenden. Aus Quellecode werden Gene, aus dem 3D-Drucker die Geburtenstation – was hier beginnt ist die „Artificial Evolution“ von Maschinen. Wohin sie führt, wurde mir in Amsterdam nicht klar. Wie bedeutend sie werden könnte, aber schon.
Sebastian Metzner, Director Research

Micro-Trend: Werbe-App für kostenloses Bus- und Bahnfahren

busfahrenDas Start-up Welect hat in Düsseldorf die App „WelectGo“ gelauncht, die kostenfreies Bus- und Bahnfahren ermöglicht, indem der Nutzer Werbespots anschaut, anstatt sich ein reguläres Ticket zu kaufen. Dabei kann sich der Nutzer per App aus einer Liste von Sponsoren gezielt vier für ihn interessante Werbespots aussuchen, die jeweils 20 Sekunden dauern. Hat er alle vier Werbespots angeschaut, wird ihm ein digitales Ticket auf sein Smartphone geschickt. Innerhalb einer Woche konnten so über 10.000 Tickets verkauft werden. Der Launch der App in weiteren Städten ist bereits in Planung.

Warum ich diesen Micro-Trend kritisch auffasse.
Kostenloses Bahnfahren: sensationell – das bisschen Werbung: harmlos! Wir kennen Werbung doch aus Medien und von den Billboards auf der Straße, die gehört eben dazu. Richtig? Wie denken wir aber darüber, wenn wir unserer siebenjährigen Nichte das Smartphone vor die Nase halten sollen, damit sie sich Werbespots für ein Gratisticket ansieht? Wie denken wir darüber, wenn wir als Gegenleistung für teurere Dienstleistungen oder Produkte intensivere Branded-Content-Maßnahmen konsumieren müssten. Mit welcher Währung wollen wir zahlen? Aufmerksamkeit oder Geld? In diesen Fällen können wir uns wenigstens entscheiden.
Bianca Stockreiter, Innovation Analyst

Micro-Trend: Gedankengesteuerter Nanobot gibt Medikamente ab

nanobotEin israelisches Forschungsteam hat sich der Herausforderung gestellt, die Wirksamkeit eines Medikaments zu beeinflussen, nachdem es verabreicht wurde. Hierbei sollen Nanoroboter helfen, indem sie an- und abgeschaltet werden und dem Körper damit nur bei Bedarf Medikamente zuführen. Gesteuert wird der Nanobot via Gedanken: In einer Studie setzte eine an ein EEG angeschlossene Testperson durch Gehirnaktivität Medikamente im Körper eines Testobjekts – einer Kakerlake – frei. Das Verfahren soll insbesondere bei der Therapie von psychischen Störungen zum Einsatz kommen.

Warum ich diesen Micro-Trend faszinierend finde.
Die Faszination mit dieser Innovation liegt an dem riesigen Potential, das sich aus der Weiterentwicklung der genannten Technologien ergeben können. Könnte jeder von uns in Zukunft eine Apotheke mit einem breiten Spektrum an Wirkstoffen mit bzw. in sich führen? Kopfschmerzen? Kein Problem, einmal an Aspirin gedacht und schon setzt der Nanoroboter die entsprechenden Wirkstoffe frei. Aber auch in der Ernährung (z.B. Vitamine), könnten die gedankengesteuerten Roboter zum Einsatz kommen.
Sandro Megerle, Senior Innovation Analyst