6 Thesen zur Raumnutzung der Zukunft

Zukunft der Raumnutzung

Wie wird sich die Nutzung von Räumen zukünftig verändern? Gerade in Deutschland, mit den immer noch bestehenden räumlichen Disparitäten zwischen Osten und Westen, wird es durch den demographischen Wandel zu neuen Entwicklungen kommen. Auf der einen Seite wird der Wohnraum in den wachsenden Städten der Metropolregionen Hamburg, Frankfurt und München immer knapper und teurer – auf der anderen Seite bieten sich in den Schrumpfungsregionen des ländlichen Raumes besonders in den östlichen Bundesländern erhebliche Potenziale.

Wie werden Stadt und Land in Zukunft gestaltet und wie wird zukünftig gewohnt? Hier unsere Thesen:

 

Corporate Villages

Unternehmen werden die verlassenen Häuser oder sogar ganze Dörfer zu einem symbolischen Preis aufkaufen und modernisieren – und sich selbst dort ansiedeln.

Durch den demographisch bedingten Bevölkerungsrückgang in Schrumpfungsregionen werden ganze oder Teile von Ortschaften mitten in Deutschland leer stehen. Eine Folge davon wird die Abwanderung der restlichen Bevölkerung sein, die es wie viele andere in die Städte der Wachstumsregionen zieht. Daher werden die Immobilienpreise dort immer weiter steigen. Unternehmen im ländlichen Bereich der Schrumpfungsregionen werden es zunehmend schwerer haben, passende Mitarbeiter anzuziehen.

Wenn die Lebenserhaltungskosten in den Städten allerdings einen gewissen Wert überschreiten und sich geeignete Investoren finden, könnte die gezielte, punktuelle Aufwertung des ländlichen Raumes wieder rentabel werden – eine Gentrification der Dörfer sozusagen. Die passenden Arbeitnehmer werden mit niedrigen Mieten und einer eigens geschaffenen Infrastruktur angelockt. Die Nachteile des ländlichen Raumes werden so durch attraktive Angebote ausgeglichen.

Es könnte Busse zu den Arbeitsplätzen und kulturellen Ereignissen geben, ebenso kann eine Versorgungsinfrastruktur aus Supermärkten und Lieferservices, Ärzten und Kindertagesstätten installiert werden – und natürlich Highspeed-Internet.

Durch eine Ansiedlung mehrerer Unternehmen derselben Branche, Nachzug von Forschungsinstituten und der Gründung von entsprechenden Ausbildungsmöglichkeiten könnten sich, angezogen von niedrigen Grundstückspreisen, auch regionale Wirtschaftscluster bilden, ähnlich wie die der Optischen Industrie in Mittelhessen, der Biotechnologie in Bayern oder natürlich dem bekanntesten, dem Silicon Valley in Kalifornien.

 

Workation Retreats

Die Sommerfrische auf dem Land kommt zurück – und zwar in Form von temporären Arbeitsauszeiten

Für intensive Projekte, Endphasen von Doktorarbeiten oder Teamwork-Sessions ziehen sich digitale Nomaden, Projekt- und Firmenteams zeitweise in eine ruhige Arbeitsumgebung auf dem Land zurück. In eigens dafür ausgelegten Unterkünften im Umfeld von Großstädten können intensive Arbeitsphasen in einer angenehmen Umgebung verlebt werden – vor allem im Sommer, wenn die Zeit in der Natur auch genutzt werden kann und das Klima auf dem Land angenehmer ist als in der Stadt. Durch die Bereitstellung von schnellem Internet, einem zeitgemäßen Essensangebot und einer entsprechenden Ästhetik bieten die sogenannten Workation Retreats alles, was das urbane Digitalarbeiterherz begehrt.

Vor allem in der Region Brandenburg tut sich bereits einiges – es ist landschaftlich ansprechend, verfügt über günstige Immobilienpreise und ist von Berlin, dem Mekka digitaler Arbeiter, gut zu erreichen. Beispielprojekte sind der Coconat Space in Bad Belzig oder der Projektraum Drahnsdorf.

 

Small Space Living

Der Trend zum steigenden Wohnraumbedarf wird bald ein Ende finden – intelligent genutzte Klein- und Kleinstwohnungen werden in Zukunft nachgefragt.

Erhöhte Mobilitätsanforderungen durch Ausbildung und Arbeitsleben machen ein Leben mit möglichst wenig Ballast notwendig und angenehm. Auch der Trend zum Minimalismus und einer ressourcenschonenden Lebensweise findet seine Entsprechung in dem Wunsch, wenig zu besitzen und keinen Raum zu verschwenden. Vor allem Studenten, Singles, zunehmend aber auch Familien möchten in der Stadt wohnen, wo der Wohnraum sowieso knapp und damit teuer ist. Die immer noch zunehmende Urbanisierung wird diese Entwicklung noch weiter verstärken.

Auch ältere Alleinstehende begnügen sich immer mehr mit Single-Häusern und machen das große Familienhaus für Kinder und Enkel frei. Anhänger des Tiny House Movement gehen noch einen Schritt weiter und bewohnen aus Überzeugung Kleinsthäuser, die oft auch mobil sind. Sie möchten sich dadurch eine maximale Unabhängigkeit bewahren.

 

Pedestrian Cities

Die Lebensqualität der Einwohner und Besucher wird von den Städten wieder ernst genommen – die autogerechte Stadt hat ausgedient.

Der Stadtplaner Jan Gehl propagiert seit langem, Straßen wieder in menschlichem Maßstab zu bauen – und zwar mit breiten Fußgängerwegen statt Schnellstraßen. Immer mehr Städte orientieren sich an diesem Konzept und bauen ehemalige Stadtautobahnen und große Verkehrsstraßen in attraktiven Innenstadtlagen um und schaffen Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer. Das neueste Beispiel ist die Stadt Paris, die einen drei Kilometer langen Streifen am rechten Seine-Ufer für Fußgänger verfügbar macht. Radwege werden in London und Kanada gebaut und machen damit Stadt und Land für Fahrradfahrer zugänglich. Auch Madrid, Oslo, Thessaloniki und Moskau wollen ihre Innenstädte fußgängerfreundlicher gestalten und damit lebenswerter machen.

 

Versatile Spaces

Die standardisierte 3ZKB hat ausgedient – immer mehr Wohnungen werden für eine flexible Nutzung gebaut.

Durch komplett abtrennbare Wohnbereiche wird es möglich, diese im Alter, bei Auszug der Kinder, Trennung etc. ohne Einschränkungen der Privatsphäre unterzuvermieten. Flexible Wände und Raumstrukturen erlauben auch die Abteilung von einzelnen Zimmern, die sich  somit einer Familienvergrößerung anpassen.

Auch die Zimmerverteilung erfolgt nicht mehr hierarchisch – großes Wohnzimmer in der Nähe des Wohnungseingangs, kleine Schlafzimmer im hinteren Teil – sondern, ähnlich wie bereits in den Altbauwohnungen aus der Gründerzeit üblich, wird es mehr gleich große und von der Nutzung her undefinierte Räume geben. Möglich ist auch der Wegfall des klassischen Wohnzimmers. Die bisherigen Funktionen „Entspannung“ und „Geselligkeit“ werden im großzügigen Bad mit Spa-Anmutung und der Wohnküche ausgelebt.

 

Co-Living

Das abgeschlossene Wohnen als Single, Paar oder Kleinfamilie wird immer öfter für gemeinschaftliche Lebensformen aufgegeben.

Senioren- & Familien-WGs werden immer akzeptierter und nachgefragter. Vor allem in der Anonymität der Großstadt wird ein heimeliges Wohngefühl durch bekannte Mitbewohner oder Nachbarn geschätzt. Auch für Alleinerziehende werden Wohngemeinschaften zur echten Alternative und bieten eine Lösung gegenüber einer (gefühlten) sozialen Isolation.

Menschen, die oft umziehen oder nur kurze Zeit an einem Ort leben, wünschen sich unkomplizierte Kontaktmöglichkeiten durch Gemeinschaftszimmer. Für Mitarbeiter von Start-ups und Digitale Nomaden, die ganz in ihrer Arbeitssituation aufgehen, werden sich auch immer mehr – oft temporäre – Optionen zum Co-Living unter Gleichgesinnten auftun.