Identity Performances – Die Zukunft der Selbstdarstellung

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Der Besuch von Konferenzen und Tech-Festivals ist – sind wir ehrlich – richtig anstrengend. Von Vortragenden erwartet man, dass sie unseren eigenen Kosmos leicht bekömmlich disruptieren. Von sich selbst erwartet man, das Relevante zu erkennen. Man kann nun entweder den eigenen Besuch minutiös planen, von Raum zu Raum hetzen, jedes Wort bis zum Fingertod mitskribbeln oder man kann sich – empfehlenswerter – ein bisschen gehen lassen. Nennen wir es: Conference Floating. Dieser Artikel wurde von einem Vortrag inspiriert, der eigentlich nicht auf meiner Liste stand.

Authentizität, ja, aber nein.

Der Titel des Vortrages der finnischen Social Media Forscherin Suvi Uski am diesjährigen Tech Open Air in Berlin lautete „How and Why Social Media Changes our Everyday Behavior“. Sie untersucht soziale Normen und Selbstdarstellung in Social Media und besprach die Ergebnisse ihrer Forschung zu den sozialen Netzwerken Facebook und Last.fm.

Uski beschreibt „Profile Work“ als strategische Selbstpräsentation. Ihre Konklusio: Sowohl „automatisches Teilen“ (z.B. der Aktivitätsfeed auf Facebook) als auch „manuelles Teilen“ (das bewusste Formulieren eines Postings oder Teilen eines Links) unterliegen dem eigenen Anspruch an Authentizität.

Genauer gesagt der: Der Anspruch, dass das Geteilte authentisch wirkt, aber nur die beste Seite zeigt. Die Authentizität ist daher nur „just enough“. Uski nennt das „Balanced Authenticity“. Immer einen Tick vorteilhafter als authentisch.

Eine interessante Anekdote aus einem der qualitativen Interviews: Einem Nutzer von Last.fm, bei welchem ein digitales Logbuch der gehörten Musik angelegt wird, war das digitale Abbild seines Musikgeschmackes so wichtig, dass er dazu überging, auch die Musik, die er analog auf Vinyl hörte, im Nachhinein aufwändig manuell nachzutragen.

Heißes Thema, viele Begriffe

Ganz generell ist was und wie wir uns in sozialen Netzwerken äußern zu einem der spannendsten Themen der aktuellen Forschungslandschaft geworden. Das Phänomen wird in unterschiedlichen Forschungsdisziplinen von der Sozialpsychologie über die Kommunikationswissenschaft bis zur Internetsoziologie untersucht und über viele unterschiedliche Begriffe verhandelt: Selbstdarstellung, Impression Management, Personal Brands, Profile Work, Identity Management, Self-Presentation, Self-Expression, Selbstkonstitution, Self-Monitoring uvw.

Letztendlich haben alle im Kern eines gemeinsam: Die Annahme, dass wir im Internet nicht völlig spontan und zufällig Selfies oder andere Inhalte posten, sondern sehr bewusst auswählen, wie wir unser Offline-Ich online darstellen.

Vom Digital Body zur Identity Performance

Schaut man sich die aktuelle Social Media Landschaft an, fällt zudem auf, dass die Selbstdarstellung immer dynamischer wird. Instagram gleicht einer selbstkuratierten Dauerausstellung der eigenen Identität. Man konstruiert einen „Digital Body“.

Bei Netzwerken wie Snapchat ist das nach und nach erweiterte Museum (‚Memories“) nur eine Zusatzfunktion. Im Zentrum stehen die ephemeren Foto- oder Videosnippets. Die Ausstellung des Ichs wird durch die Performance des Ichs erweitert.

Wieder andere Netzwerke wie das zuletzt stark wachsende Musical.ly oder Dubsmash stehen ganz im Sinne einer halbernst gemeinten künstlerischen Performance. In gelernter Karaokemanier werden Songs oder Filmausschnitte interpretiert und geteilt.

Die Kür der Identity Performances bilden Plattformen, die Video Live Streaming ermöglichen, wie Facebook Live, Periscope oder YouNow. Bei Live-Videos ist Inszenierung und Kontrolle nur mit hohem Aufwand zu erreichen, hier herrscht radikale Authentizität. Die Videos löschen sich auch nicht automatisch bzw. lassen sich einfach abspeichern. Kurz: Mehr und mehr geteilte Inhalte sind dynamisch und live, die Ausstellung des Ichs wird zur Identity Performance.

Von der Identity Performance zu Live Presence

Nun, wie sieht die nächste Stufe der Selbstdarstellung aus? Was fehlt dem aktuellen digitalen Abbild im Gegensatz zur Person aus Fleisch und Blut?

Die dritte Dimension. Das könnte sich allerdings bald ändern: Snapchat hat im Juni 2016 das Start-Up Seene gekauft. Seene hat eine Technologie entwickelt, mit der die Smartphone-Kamera zum 3D-Scanner wird, der Gesichter, aber auch Objekte erfassen und rendern kann. Damit könnte die angelernte vorteilhafte Selfie-Pose passé sein: Der 3D-Scanner erfasst das gesamte Gesicht mit all seinen unperfekten Asymmetrien.

Das nächste Level der Identity Performances wird in Richtung digitale Fernanwesenheit in Echtzeit, einer Art Live Presence, gehen. Wenn wir in der virtuellen Realität und in Verbindung mit körpernahen Endgeräten andere Personen um uns haben und spüren können. Die Kontrollmacht über die eigene digitale Version wird immer kleiner werden, wenn wir bereit sind, unser Herzklopfen online zu teilen.

Wenn es soweit ist, müssen wir den Stellenwert von Authentizität neu verhandeln und uns überlegen, wie wir unsere Selbstdarstellung überhaupt noch lenken können. Worin liegt dann der Unterschied zwischen mir und meiner Live Presence? Vielleicht steigt dann im Sinne eines Gegentrends wieder die Nachfrage nach Plattformen, die den Nutzern genau diese Kontrolle über ihre „Profilpflege“ zurückgeben. Eben nach dem Motto: Authentizität, ja, aber nein.